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Dissoziation als Anpassungsleistung

Dissoziation als Anpassungsleistung Winja Buss1

Einleitung Dissoziation bedeutet das Gegenteil von Assoziation, es ist eine Störung der Integration und Verknüpfung von Informationen. Dissoziation wird als ein »komplexer psychophysiologischer Prozess bezeichnet, [der] die Erinnerung an die Vergangenheit verhindert oder verändert, das Identitätsbewusstsein stört, das Erleben von Kontrolle über Körperempfindungen und Körperbewegungen stört sowie aktuelle Wahrnehmungen und Emotionen von anderen psychischen Prozessen abspaltet« (Eckardt-Henn/Hoffmann 2004, S. 393). Dissoziation an sich ist nicht pathologisch, im Gegenteil, sie ist hilfreich und manchmal sogar angenehm. Jede von uns kennt Zustände der Selbstvergessenheit, im Alltag führen wir gewohnte Handlungen wie automatisiert durch, sodass wir hinterher gar nicht mehr sagen können, was genau z. B. auf dem Weg zur Arbeit eigentlich vorgefallen ist. All dies ist normale Dissoziation. Im Gegensatz zur sogenannten dysfunktionalen/pathologischen Dissoziation können wir uns bei Bedarf sofort wieder reorientieren. Die meisten von uns kennen stressreiche Phasen, in denen wir besonders fahrig und vergesslich sind. In diesem Fall verstärkt sich die dissoziative Reaktion. Bei akut überfordernden oder gar traumatischen Situationen kommt es dann soweit, dass Erlebnisinformationen nicht mehr integrativ wahrgenommen und nur noch fragmentiert und abgespalten gespeichert werden. Passieren die Traumatisierungen im frühkindlichen Alter wiederholt, und vor allem durch nahe Bezugspersonen (z. B. Misshandlungen, sexuelle Gewalt, starke Vernachlässigung), so wird das Kind in seiner hirnphysiologischen Entwicklung, der Entwicklung gesunder Regulationsmöglichkeiten, seiner Bindungsrepräsentanzen und seines Selbstkonzepts beeinträchtigt (Schore 2001; Liotti 2004; Lyons-Ruth 2006). Die Dissoziation als Bewältigungsstrategie und Schutzmechanismus wird immer wichtiger, da die abgespaltenen Erfahrungsinformationen nicht bewusst werden dürfen und die dissoziative Reaktion als erfolgreiche Bewältigungsstrategie immer leichter anspringt (Overkamp 2002). 1

Die Autorin bedankt sich bei Naama Yehuda, Renée P. Marks, Sandra Wieland, Frances Waters, Joyce C. Morene, Quentin Dignam, Bob Slater, Sue Evans, Richard Hohfeler, Joyanne Silberg, Jürgen Benecken und Ken Benau für ihre hilfreichen Anregungen.