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394
Die unheilvolle Verflechtung von Trauma und Schuld
Beeinflussbaren schuldig. Maier et al. (2019) betonen, dass während einer Flucht
moralische Werte und Regeln ihre Geltung verlieren und der Überlebenswille dazu führen kann, anderen aktiv zu schaden bzw. Hilfe zu verweigern. Dies kommt
einer Situation gleich, die als Begriff der sogenannten moral injury (Moralverletzung) in die Literatur eingegangen ist. Hieraus können retrospektiv massive
Selbstvorwürfe und Schuldgefühle entstehen. Hinzu kommen im Aufnahmeland
weitere Belastungsfaktoren, welche mit Überlebendenschuld assoziiert sind. Das
Modell der Sequentiellen Traumatisierung (Keilson 2005; in der Weiterentwicklung durch Becker 2006) bildet diese anhaltenden Prozesse von Trauma in immer
wieder anderen Sequenzen von Trauma ab. Fest steht, dass mit der Ankunft in einem Aufnahmeland ein Trauma nicht endet. Die Phase des Ankommens z. B. wird
als Sequenz der vorläufigen Chronifizierung beschrieben (Becker 2006). Es ist eine
Sequenz des Ab-Wartens, welche weiter die Ohnmacht fördert und höchstens
noch eine weitere Quelle für Schuldgefühle bildet, nicht aber die Einlösung des
erfolgreichen Lebens, in das andere für sie investiert haben. Die Erfahrung zeigt,
dass sogar drohende negative Asylbescheide von ehemaligen unbegleiteten Geflüchteten als Konsequenz des eigenen Versagens internalisiert werden. Auch hier
wird der eigene Selbstwert einer Kontrollillusion geopfert. Lammers (2016) sieht
die Funktion der Überlebendenschuld zusätzlich darin, dass sie die Verbundenheit und Gleichheit mit der Herkunftsfamilie aufrechtzuerhalten ermöglicht. Der
innere Konflikt sich abzugrenzen, liegt auf der Hand.
Traumapädagogische Arbeit bedeutet hier zum einen ein konsequentes Angebot zu begleiten und zum anderen das Kennenlernen der erlebten und dahinterstehenden Biografie. (Strukturiertes) Erzählen erlebter Geschichte ist ein wesentlicher schuldgefühlsreduzierender Mechanismus (Andreatta/Unterluggauer 2012).
Damit sich die Überlebendenschuld der Jugendlichen, insbesondere auch geflüchteter Jugendlicher, nicht zum lebenslangen Motor entwickelt, braucht es entsprechende Wahrnehmung. Baer und Frick-Baer (2016) betonen, dass die Schuld an
Macht und Intensität verlieren kann, wenn es gelingt, sie einzuordnen und wir
hätten im engeren traumapädagogischen Sinne formuliert sie zu verstehen (vgl.
Wilma Weiß Ansatz des Selbstverstehens). Dies gelingt über einfühlsames Erkennen der Abschnitte eigener Biografie, ein gemeinsames Verstehen des hohen
Verantwortungsdrucks, der entstanden ist, und fordert neben einem zumindest
einige Zeit konsequent begleitenden Umfeld auch die gesellschaftliche Anerkennung des Leids der Geflüchteten. Klärung und gemeinsame Differenzierung unterschiedlicher Schuldbegriffe beispielsweise das Schulderleben von einer Verantwortlichkeit zu unterscheiden, können Kinder und junge Erwachsene entlasten.
Dabei soll Verantwortung vonseiten der unterstützenden Personen nicht klein
geredet oder versucht werden, Schuldgefühle zu nivellieren (Butollo/Karl 2022).
Wertschätzung und Würdigung des von den Kindern und Jugendlichen Geleisteten durch Pädagog*innen werden Schuld eher reduzieren können als simple Ent-