2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/393.md

35 lines
2.9 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains invisible Unicode characters

This file contains invisible Unicode characters that are indistinguishable to humans but may be processed differently by a computer. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

Die Verflechtungen von Trauma und Schuld
[…]: Je schuldiger ich an dem Unglück bin, desto weniger bin ich Opfer« (Becker
1992, S. 248). Charakteristischerweise findet dabei häufig eine Überbewertung der
eigenen Handlungsmöglichkeit statt und auf Logik wird verzichtet. Im Nachhinein werden Ereignisse und ihre Beeinflussbarkeit anders wahrgenommen und
sogenannte Rückschaufehler werden begangen (Ehlers 1999; Boos 2007). Diese
umfassen z. B. die Entscheidungsfindung in der Retrospektive. Informationen, die
zum Zeitpunkt der traumatischen Situation noch nicht zur Verfügung standen,
werden in die Bewertung der eigenen Handlungen mit einbezogen.
2. Überlebendenschuld bei Jugendlichen
In seinem Roman Die Einsamkeit der Primzahlen erzählt der italienische Schriftsteller Paolo Giordano aus dem Leben zweier Protagonisten, die von früher Traumatisierung geprägt sind. Die beiden Lebensgeschichten von Alice, die Unbeschwertheit und Vertrauen nach einer Fehlentscheidung des Vaters verliert, und
von Mattia, der angezogen von einer Kindergeburtstagsfeier seine geistig behinderte Zwillingsschwester allein in einem Park zurücklässt und diese in der Folge
verschwunden sein wird, verweben sich in dem Roman. So unterschiedlich die
biografischen Versuche der Überschreitung in Form von Selbstverletzung und
anorektischem Hungerleiden sind, einen gemeinsamen Nenner bildet ihre traumatische Schuld. Bei Mattia wird sich diese als Überlebendenschuldgefühl ein
Begriff von Hirsch (2012) zeigen.
Dieses Schuldgefühl, welches im Kern die Last des eigenen Überlebens ist, während andere gestorben sind, ist eng verwandt mit dem Schuldgefühl aus Vitalität
(Hirsch 2012), welches davon ausgeht, dass andere »weniger« erhalten haben. Beide finden sich im Zusammenhang mit erfahrener innerfamiliärer Gewalt sowie
soziopolitischen Traumatisierungen wie Krieg, Flucht und Verfolgung. Dabei
kann sich die Schuld entweder darauf beziehen, selbst überlebt zu haben, während
andere starben oder, wie z. B. bei jugendlichen unbegleiteten Geflüchteten, ihre
Familienmitglieder und Geschwister zurückgelassen zu haben. Sie gelangen mit
einer emotionalen »Schuldhypothek« in ein Aufnahmeland, nachdem Familien es
unter großer Not aufgebracht haben, ihnen eine Flucht und damit hoffentlich ein
anderes Leben zu ermöglichen. Gefühle des Freiseins von Schuld kämen dem Verrat der Toten oder schwer Benachteiligten gleich. Bergmann (1998) beschreibt,
dass Überlebensschuld eng mit der Kernidentität der*des Betroffenen verbunden
bleibt und zum primären Organisator des Lebens werden kann. Für ihn gilt die
Überlebensschuld als Hindernis für die Anpassung an eine neue Welt.
Bei jungen Geflüchteten können sich Schuldthemen aus der Überzeugung entwickeln, nur überlebt zu haben, weil andere weniger Glück hatten (Maier et al.
2019) oder Verzicht üben mussten. Oftmals haben sie das Leiden oder Sterben
anderer beobachtet und fühlen sich durch ihre Tatenlosigkeit im ohnehin Nicht-­
393