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Schuld als Emotion und ihre Verwandten: Angst, Scham und Selbstwert
Schuld als Emotion und ihre Verwandten:
Angst, Scham und Selbstwert
Hirsch (2012) unterscheidet Schuldgefühle nach ihren Ursprüngen in Basisschuldgefühle, Schuldgefühle aus Vitalität, Überlebensschuldgefühle, Trennungsschuldgefühle und traumatische Schuldgefühle. Bei ersteren wird die eigene bloße Existenz als schuldhaft erlebt. Die Unerwünschtheit eines Individuums kann dabei
zwei verschiedene Formen aufweisen. Ein Kind ist ein »ungewolltes Kind« oder
das So-Sein des Kindes ist ungewollt; es ist nicht das »richtige Kind«. In jedem Fall
wird die Individualität der Person geleugnet. Mutlosigkeit, mangelnder Selbstwert,
Depression und häufig Suizidalität gehen mit dieser Art von Schuldgefühl einher
(Hirsch 2012, S. 192ff.). Die Durchsetzung vitaler Bedürfnisse, das Recht auf Leben und die Qualität des »Haben-Wollens« werden bei der zweiten Form, den
Schuldgefühlen aus Vitalität, als schuldhaft erlebt. Häufig zeigt sich diese Art des
Schuldempfindens auch als Befürchtung, dass eigener Erfolg zur Sanktion durch
Rival*innen führt und andere kränkt oder schädigt. Im Trennungsschuldgefühl ist
der grundlegende Konflikt zwischen eigener Autonomiebestrebung und Loyalität
mit den primären Bezugspersonen konstituierend. Loslösung wird als schädigend
oder zerstörend für das Liebesobjekt eingestuft. Verändernd auf Beziehungen zu
wirken, löst bereits Schuldgefühle aus. Unter dem Überlebendenschuldgefühl versteht Hirsch (2012) ein Gefühl, das der Tatsache des Überlebens eines katastrophalen Ereignisses, während andere starben, entspringt. Traumatische Schuldgefühle treten häufig als Versuch der Anpassung auf, beispielsweise auch im Versuch
der Wiederherstellung der Kontrolle (für eine Übersicht: Andreatta 2015). Diese
Formen von Selbstbeschuldigungen werden in diesem Beitrag noch vertieft.
Haesler (2010) nimmt eine Differenzierung der Schuld mit Blick auf die zugrundeliegende Angst vor. Dazu zählen die Angst vor Vergeltung und Strafe, die
Angst vor Verlust der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die Angst vor vernichtender Beschämung und Entwertung und letztlich die Angst vor Ohnmacht
und Wirkungslosigkeit, wenn in einer Welt unbeeinflussbares Unrecht geschieht.
Neben der Angst steht die Scham der Schuld sehr nahe. Während sich die
Scham auf das (So-)Sein bezieht, bleibt die Schuld handlungsbezogener. Im Zusammenhang zu traumatischer Schuld findet sich bei Janoff-Bulman (2002) die
Unterscheidung zwischen verhaltensbezogener (behavioral self-blame) und personbezogener (characterological self-blame) Selbstbeschuldigung. Die Zuschreibung der Verantwortung für ein Trauma an sich selbst ermöglicht zwar Kontrolle
und damit eine Verringerung des Vulnerabilitätsgefühls, jedoch zum Preis des
Schuldgefühls, wenn eigenes Handeln oder Unterlassen (behavioral) adressiert
wird oder eben zum Preis des Schamgefühls (characterological), wenn die Person
als Ganzes abgewertet wird. Auch wenn diese vorgenommene Trennung von Janoff-Bulman (2002) theoretisch kaum haltbar ist und viel zu wenig von den Folgen
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