2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/386.md

29 lines
2.7 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

386
Die Pädagogik der Selbstbemächtigung Eine traumapädagogische Methode
Und auch die psychosozialen Fachkräfte werden sich gesellschaftlich positionieren müssen. Nur wenn sie selbst interessiert sind, werden sie die Mädchen und
Jungen begleiten. Doch es geht auch um sie selbst: Pädagog*innen und psychosoziale Fachkräfte befinden sich in einem prekären Spannungsfeld zwischen professionellen Ansprüchen und gesellschaftlichen Gegebenheiten (s. Weiß: Die Pädagogik der Selbstbemächtigung. Eine Einführung i. d. B.).
Selbstbemächtigung reloaded
Selbstbemächtigung reloaded beinhaltet vor allem das gemeinsame Verstehen. Gemeinsames Verstehen entsteht während der Vermittlung des Fachwissens, in Gruppengesprächen. Ich weiß von Trauma-Talk-Runden von Mädchen*, Jungen* und
Fachmenschen; und, und, und. Im pädagogischen Alltag können wir immer wieder Räume zum Verstehen zwischen Profis und Expert*innen und zum Verstehen
der Gleichen schaffen.
Gemeinsames Verstehen beinhaltet immer auch Schmerz. Wie achtsam gehen
wir mit Schmerz um? Lassen wir Schmerz vergleichen oder betonen wir die Einzigartigkeit des Schmerzes? Im Alltag können wie auf einen sorgsamen Umgang
mit Schmerz achten, nicht bagatellisieren, »Pflaster« griffbereit zu haben etc. Wie
oft wird im pädagogischen Alltag Ausdruck von Schmerz übersehen oder übergangen? Eine Expertin berichtete, dass sie ihrer Pädagogin nichts von ihrem
Schmerz erzählen kann, weil sie spürt, dass diese das nicht verkraftet. Was bedeutet z. B. im Kontext von selbstverletzendem Verhalten die Haltung »Narben dürfen
nicht gezeigt werden, dass steckt an«? Narben, die eigentlich auf alten Schmerz
hinweisen, dürfen nicht gezeigt werden? Wir brauchen Übung im Umgang mit
Schmerz, mit eigenem Schmerz und mit dem Schmerz der anderen. Dann können
wir Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, über Schmerz zu reden, z. B, in
Kuscheltiersprechstunden, in denen Kinder und Jugendliche über Schmerzen reden können, ohne von sich zu reden.
Das gilt auch für einen achtsamen Umgang und ein aktives Ansprechen von
Scham. Beide Gefühle sind zumindest in der Kinder- und Jugendhilfe eher tabuisiert. Scham ist ein Gefühl, dass die Kinder und Jugendlichen sehr wohl kennen,
dass sie oft berührt. So oft, wie sie damit konfrontiert werden, so wenig wird es von
Fachmenschen thematisiert. Doch wir brauchen einen Umgang damit, müssen
erstmal lernen, über Schmerz und Scham mit unseren Kolleg*innen und den Kindern und Jugendlichen zu reden. Dann werden sich sicher auch Methoden zur
Bearbeitung herausbilden. In einem Kinderworkshop zum inneren Team ist der
»Schämige« aufgetaucht und hat zu einer spannenden Diskussion über gute, unnötige und behindernde Scham geführt.