3.1 KiB
346
Traumapädagogisch diagnostisches Verstehen
Welt, an zwischenmenschliche Beziehungen und auch an sich selbst (traumatische Erwartung). Lebensweltorientierte Diagnostik erfasst diese nicht gelingende, teilweise jedoch trotz allem gelingende »Passung« zwischen Subjekt und Außenwelt. Dafür sind sozial- und lebensweltorientierte diagnostische Instrumente eine zentrale Hilfe. Auf der Grundlage einer bewusst methodisch offen gestalteten professionellen Anamnese- und Diagnosehaltung können in der Lebensweltdiagnostik soziale, psychische und körperliche Phänomene unter Einbeziehung soziologischer Parameter zusammengedacht werden. Das Ausmaß der Beeinträchtigung lässt sich gut auf der Ebene der »Person-in-der-Situation« mit den »fünf Säulen der Identität« aus dem Konzept der Integrativen Therapie und Beratung erheben (Petzold et al. 2000). Das soziale Umfeld und seine Bedeutung für die traumatisierten Kinder und Jugendlichen können zudem neben dem hinreichend bekannten Genogramm mithilfe des sozialen oder soziokontextuellen Atoms (Märtens 1997) diagnostisch erfasst werden. Das soziale Netzwerkinventar lässt sich zu einer Ecomap (Cournoyer 1996; ausführliche Beschreibung des Vorgehens bei Pauls 2011; weitere Verfahren der Lebensweltdiagnostik in den Herausgeberbänden Pantuček/Röh 2009 sowie Heiner 2004) ausweiten. Als besonders hilfreich erweisen sich viele dieser Diagnostikmethoden im Traumabereich, wenn man sie je nach Alter und kognitivem Verständnis in einem Prozess immer wieder einsetzt. Zumeist erschließt sich dann nach mehrmaliger Anwendung eine sehr ressourcenorientierte Perspektive. Auf diese Weise wird es möglich, traumatisierte Kinder und Jugendliche diagnostisch zu verstehen. Eine traumasensible, soziale Diagnostik bietet die Möglichkeit, eine Fülle an komplexen Zusammenhängen über eine Person und ihr Umfeld zu erfahren. Im Sinne einer hilfreichen Interventionsplanung muss bei aller Komplexität das Verfahren jedoch auf eine Strukturierung der gesammelten Informationen hinauslaufen, welches die Dimensionen »Individuum – soziale Umwelt« sowie die Dimensionen »Defizite – Ressourcen« möglichst umfassend, aber auch prägnant ausweist. Eine besonders hilfreiche strukturierende Form der Darstellung vorhandener Ressourcen sowie Defizite sind die von Pauls (2011) vorgeschlagenen »Koordinaten psycho-sozialer Diagnostik und Intervention« (Abb. 3). Das partizipative Verfahren forciert eine systematische Problem- und Ressourcenanalyse, die auf unterschiedliche, in den vorherigen Abschnitten dargestellte diagnostische Informationen aus allen drei erfolgten Schritten zurückgreift. Dadurch wird es zu mehr als einem weiteren Instrument, nämlich zum strukturierenden und ordnenden Orientierungsmodell für die anstehende Hilfeplanung, indem es sozusagen ein »diagnostisches Substrat« aus den bisher gewonnenen Informationen bereitstellt. Aus diesem Diagramm lässt sich mühelos die Interventionsplanung für Hilfekonferenzen ableiten. Aus den einzelnen Punkten kann eine Reihe von Interventionsimpulsen erarbeitet werden, die jeweils Ressourcen stärken und