2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/305.md

32 lines
2.8 KiB
Markdown

Entwicklungslogische Reaktionen auf isolierende Bedingungen
Dies gilt auch für Menschen, die aufgrund einer Hörschädigung die Gebärdensprache benutzen. Lange Zeit hatten gehörlose Menschen gegen die Diagnose geistige Behinderung zu kämpfen. Die vielfältigen Möglichkeiten, mit der Umwelt in
Kontakt zu treten, die Menschen ohne Lautsprache entwickelten, wurden von
sprechenden Menschen lange Zeit verkannt. Allein das lässt vermuten, dass eine
Beteiligung am gesellschaftlichen Leben durch die nicht vorhandene oder unzureichende Verbalsprache noch größere Hürden mit sich bringt. Eine Anerkennung
der Gebärdensprache als Amtssprache ist erst mit dem Behindertengleichstellungsgesetz am 1. Mai 2002 in Kraft getreten (Beauftragte der Bundesregierung für
die Belange behinderter Menschen 2002). In der Studie zu »Lebensbelastungen
von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen« war eine extrem hohe
Betroffenheit der gehörlosen Frauen durch sexuelle Gewalt in Kindheit, Jugend
und Erwachsenenleben besonders auffällig (BMFSFJ 2013). Wenn Menschen
nicht über ein allgemeingültiges Verständigungssystem verfügen, müssen Täter*innen keine Geheimhaltungsstruktur aufbauen, der Zugang zu Hilfsangeboten
ist für Menschen, die nicht sprechen, meist noch weniger möglich.
Das heutige Wissen transgenerationaler Wirkung von extremen Traumatisierungen (Radebold/Bohleber/Zinnecker 2009; Rauwald/Quindeau in diesem Band)
lässt vermuten, dass Auswirkungen des Umgangs mit Menschen mit Behinderung
im Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit spürbar sind. Die Vernichtung des
sogenannten unwerten Lebens, die Euthanasie-Programme der Nationalsozialisten, haben dazu geführt, dass in den 1950er-Jahren kaum Menschen mit einer geistigen Behinderung in Deutschland lebten. So stellten Mitarbeiter einer Werkstatt
für Behinderte, in der ich beratend tätig war, im Jahr 2005 fest, dass sie weder Angebote noch nennenswerte Erfahrungswerte in der Betreuung von Senioren mit
Behinderung haben. Eine offene Kommunikation darüber, welche Auswirkungen
die Geschichte des Nationalsozialismus bis heute auf die Behindertenpädagogik
und auf verbreitete alltägliche Sichtweisen und Wahrnehmungsgewohnheiten hat,
ist unter anderem dringend notwendig, um transgenerationale Dynamiken der
Wertung, Abwertung und Ausgrenzung zu beleuchten und zu unterbrechen.
Entwicklungslogische Reaktionen auf
isolierende Bedingungen
Menschen, die Belastendes erleben mussten, kommen als Folge der Belastung häufig in Zustände der Übererregung, Dissoziation oder Erstarrung. Diese Zustände
führen zu Verhaltensweisen wie Selbst- und Fremdverletzung, Orientierungslosigkeit, Schreien, Klammern an Bezugspersonen usw. Im Moment der Hilflosigkeit
und im Moment der traumatischen Situationen sichern diese Zustände das Überleben einer subjektiv wahrgenommen Bedrohungssituation.
305