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Bindungstheorie in ihrer Bedeutung für die Traumapädagogik
trösten, aber auch die Tatsache, dass sie das Kind aufgrund ihres aggressiven oder
bizarren Verhaltens massiv ängstigt (vgl. Ziegenhain/Kindler/Meysen 2021). Davon ausgehend, dass Bindung bzw. Nähe zur Bindungsperson Angst insbesondere
in unvertrauten Situationen reduziert, sind also hier grundlegende und biologisch
angelegte Sicherheitsbedürfnisse von Kindern bedroht. Diese werden in exklusiven Bindungsbeziehungen erfüllt. Insofern lässt sich nachvollziehen, dass Trennungen bzw. angstauslösendes Verhalten von Bindungspersonen in besonderer
Weise entwicklungskritisch sind. Tatsächlich finden sich diese Verhaltensweisen
gehäuft bei früh traumatisierten bzw. misshandelten und vernachlässigten Kindern. Es sind Kinder, die gewöhnlich hochunsicher-desorganisiert gebunden sind
bzw. mit einer Bindungsstörung diagnostiziert werden (Schleiffer/Gahleitner
2010; Ziegenhain/Fegert 2012/2020).
Tatsächlich zeigen viele Kinder, die in stationären Einrichtungen leben, Symptome hochunsicherer Bindung bzw. von Bindungsstörungen (IJzendoorn/Schuengel/Bakermans-Kranenburg 1999; Solomon/George 1999). Die Veränderungen
manifestieren sich bis hinein in neurophysiologische Strukturen der Kinder und
Jugendlichen (Perry/Pollard 1998; Yehuda 2002). Das Verständnis der Neurophysiologie von traumatischer Erfahrung ist daher sehr bedeutsam. Das Gehirn hat
die Aufgabe, »ein inneres Abbild der äußeren Welt zu konstruieren, das gleichsam
als Schablone dient, an der sich die weitere Entwicklung ausrichten kann« (Kolk
1999, S. 50). Aus frühen Traumata entstehen so komplexe Entwicklungsstörungen
auf der physischen, psychischen und sozialen Ebene für den gesamten weiteren
Lebensverlauf (Felitti 2002).
Ähnliche Beobachtungen machte bereits der Psychoanalytiker, Kinderarzt und
-psychiater John Bowlby (1951/1973), der bei sozial benachteiligten Kindern
immer wieder auf frühkindliche Vernachlässigung und Trennungen sowie auf
Traumata stieß (Gahleitner/Katz-Bernstein/Pröll-List 2013). Aus der Arbeit mit
verelendeten Familien heraus entwickelte er in der Trilogie »Attachment Separation Loss« (2006) die Bindungstheorie. Er begründete eine beziehungsbezogene
Perspektive von Entwicklung, nach der Kleinkinder fundamental auf emotionale
Fürsorge und Unterstützung, Schutz und (emotionale) Sicherheit angewiesen
sind. Demgemäß sind Bindungspersonen diejenigen Personen, bei denen das
Kind bei Belastung Nähe und Schutz sucht, und an die es sich wendet, um getröstet zu werden. Damit verbunden ist eine innere Erregung beim Kind (Herzfrequenzanstieg, Anstieg des Cortisolspiegels). Sie klingt erst im Kontakt mit der Bindungsperson wieder ab. Das Bedürfnis, sich zu binden, ist biologisch disponiert
und lässt sich als Regulationssystem interpretieren, das insbesondere in Situationen von Verunsicherung und Belastung wirksam wird (Ziegenhain/Fegert
2012/2020). So verstandene sichere Bindung ist Voraussetzung dafür, dass Kinder
sich offen Neuem zuwenden, unbelastet explorieren und mit schwierigen Situationen umgehen können.