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Scham und Beschämung mit Blick auf Trauma
gewaltsamen Implantation (vgl. Hirsch 2014, S. 114). Das Opfer fühlt sich wertlos,
entwürdigt, schmutzig und ekelt sich vor sich selbst, es hat unbewusst die Entwertung seines gesamten Selbst übernommen. Der damit verbundene Verlust von
Selbstwert, Selbstachtung sowie eines Gefühls von Integrität und Würde bis hin
zum Verlust jedes Sinns für Kontinuität überhaupt führen bei Wilson et al. (2006)
zur Formulierung der posttraumatischen Scham (posttraumatic shame«), die so
gut wie untrennbar mit posttraumatischer Schuld verwoben ist. Psychodynamisch
betrachtet wird sich dies mitunter sehr unheilvoll in einen Modus des Leidens,
der in Selbstentwertung, Selbstzweifel und Depression mündet, weiter fortsetzen
und im traumapädagogischen Sinne wenig Motivation und Eigenleistung zur
Selbstbemächtigung (Weiß 2016) und damit auch Mut zur Verantwortungsübernahme für sich selbst entwickeln lassen. Auf deren Seite findet sich ein Modus
Abwehr, der in die bereits angesprochene Viktimisierung anderer mündet, um damit Macht und Kontrolle über andere zu erlangen (vgl. Meyer-Deters 2017).
Ergänzend zu diesen psychodynamischen Überlegungen ist auch eine psycho­
traumatologische Perspektive auf Opfer-Scham hilfreich. Konstituierend für
Trauma ist die Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses, welche dauerhaft und übergeneralisiert erfolgt (Andreatta 2012; Fischer/Riedesser 2009). Im
Horizont dieses umfassenden Verständnisbegriffes sind moralische und das Sozialverhalten normierende Prinzipien mitgedacht, Grundannahmen über eine
einigermaßen »wohlwollende und gerechte« Welt (Janoff-Bulman 2002). Trau­
matisierende Gewalt durchschlägt solche Annahmen und Vertrauensgrundsätze.
Repariert werden könnte dieses Vertrauen, wenn zumindest einer die Bereitschaft
der Übernahme der Verantwortung, die Fähigkeit zur Reue oder zur Wiedergutmachung hätte. Diese Aufgabe wird jedoch meist vom Opfer übernommen (oder
diesem aufgezwungen). In Anlehnung an Hegels Herr-Knecht-Dialektik vertreten Fischer und Riedesser (2009), dass »in der Dialektik der Anerkennung im
Opfer, das eigene zugrundegerichtete menschliche Wesen [des Täters] erkannt
wird« (S. 336). Dieser nun nicht mehr interpersonell mögliche, sondern nur noch
intrapersonell geleistete Reparationsversuch des Opfers steht auch im Einklang
mit traumakompensatorischen Bemühungen von Viktimisierten, die als Eingrenzung der Katastrophe vielerlei für sie leidvolle Anstrengungen unternehmen.
Hierzu zählen das Finden naiver Erklärungen, wie es zum traumatisierenden Geschehen kam (ätiologisch), illusorische Vorstellungen wie Traumatisierungen in
Zukunft verhindert werden können (präventiv) und wie man weiterleben bzw.
geheilt werden könnte (reparativ). Vielen werden an dieser Stelle konkrete Aussagen und biografische Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen vor Augen
stehen, die solche Bemühungen anstellen. Dazu zählen sicherlich die vielfältigen
Formen der Selbstbeschuldigung und -entwertung und Erwägungen, welchen
Anteil man selbst an der Katastrophe hätte. In dieser Schuldzuweisung und damit
Selbstbeschämung scheint die Erfahrung der schutzlosen Preisgabe und totalen