2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/140.md

31 lines
2.9 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

140
Scham und Beschämung mit Blick auf Trauma
im Hintergrund das Risiko einher, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Ausgeschlossensein ist in dem Sinne eine psychosoziale Katastrophe.«
7) Ungeschehenmachen
Typisch für die Scham ist der unwillkürliche, beinah reflexhafte Versuch des Subjekts, Enthüllung und Verwerfung ungeschehen zu machen, die Scham abzuwehren. Die*Der Beschämte will am liebsten verschwinden oder sprichwörtlich im
Erdboden versinken, womit eine »phantasierte magische Geborgenheit (im Schoß
der Erde) wiedergewonnen« (ebd., S. 846) wäre. Die radikalste Auflösung von
Scham und Schamangst ist der Suizid, der, wie (Tiedemann 2019) hervorhebt, »in
massivster Form das Verschwinden ausdrückt […]. Bei vielen Suiziden müssen
eine schwere, nicht zu bewältigende Scham und Schande in Betracht gezogen werden« (ebd., S. 91). Eine wir wollen formulieren Tatsache, die sich in der Akutbetreuung als »suizidale Überwältigungsreaktion« mit verheerenden Folgen zeigen kann (Andreatta/Beck 2006, S. 81).
Diese sieben Strukturmomente fundieren in entwicklungspsychologischen
Grundkonstellationen wie in der Erfahrung der primären Wertschätzung und
des Angenommenseins sowie in frühen Erfahrungen der Zurückweisung oder
Verwerfung , die eine entscheidende Rolle in der Entwicklung eines reifen Selbst
spielen (ein Aspekt, der in unserem vorliegenden Beitrag nicht wird). Während
Schuldthemen mitunter direkt verbal adressiert werden (können), wie die empirische Forschung zeigt (vgl. Andreatta 2015), scheint dies bei der Scham weitaus
seltener der Fall zu sein (vgl. Andreatta/Crepaldi 2021). In eine ähnliche Richtung
weist Tiedemann (2019, S. 91), wenn er betont, dass Scham kaum unmittelbar in
Erscheinung tritt, weil sie wie eine momentane Vernichtung des Selbst erlebt wird;
sie tritt meist nur in ihrer abgewehrten Form auf. Bei der Psychodynamik der
Scham wäre der Blick demnach ganz besonders auf die Abwehr zu richten, die in
Strukturmoment 7 erfasst ist. Auch Marks (2021) führt aus, wie Scham in unzähligen menschlichen Erlebens- und Verhaltensweisen maskiert zum Ausdruck
kommt bzw. zur narzisstischen Selbstregulation abgewehrt wird. Dazu zählen u. a.
Kontaktabbruch und Verschwinden, sich zurückziehen oder sich der Kommunikation entziehen (z. B. durch schwer verständliches Sprechen), sich sozial isolieren, emotionale Erstarrung (z. B. übertriebene Coolness), Lügen, Schuldzuweisungen an andere, die Tendenz, andere zu beschämen und zu verachten,
übertriebener Zynismus, Pessimismus und Negativität, Schamlosigkeit und Unverschämtheit, Größenfantasien, Idealisierung und Nationalismus bis hin zu Groll,
Ressentiment, Zorn, Wut, Hass und Gewalt. Gleichzeitig sei betont, dass die Scham
umgekehrt nicht zur psychologischen Welterklärungskategorie ge- und missbraucht werden sollte. Ob es sich im Einzelnen um Scham und Schamabwehr han-