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Zur Psychodynamik von Scham
gestellt, um unliebsame Akteure öffentlich zu desavouieren. In den so genannten
Schamkulturen der traditionellen Kulturanthropologie hingegen »unternehmen
die Menschen sehr viel, damit sich niemand zu schämen braucht«, während
»schambasierte Affektgewitter« in der sich globalisierenden euroamerikanischen
(Medien-)Kultur an der Tagesordnung sind (ebd.).
Zur Psychodynamik von Scham
Nach diesen grundsätzlichen Erwägungen wollen wir den Blick auf das Individuum und die Psychodynamik der Scham richten. Schüttauf et al. (2003) gehen in
ihren Überlegungen von der Unzulänglichkeit der klassischen Psychoanalyse der
Scham aus, welche diese im Kern auf einen psychischen Spannungszustand zwischen Ich und Ich-Idealen zurückführt bzw. diese hauptsächlich als Abwehr sexueller Konflikte begreift (vgl. Tiedemann 2019). Wie kaum ein anderer Affekt ist
Scham aber ein soziales Gefühl und ein intersubjektives Geschehen. »Sie bezieht
sich einerseits auf den intrapsychischen Bereich der Selbst(wert)regulation, andererseits auf den intersubjektiven Bereich der Beziehungsregulation« (ebd., S. 9).
Der elementarste Typus des Schamerlebens wird als Modus der passiven Enthüllung oder Bloßstellung bezeichnet. Dass eine Person eine (gefühlte oder reale)
Gruppennorm oder eine soziale Kompetenzanforderung nicht erfüllt, enttäuscht
oder verletzt hat, »wird in der Enthüllung vor aller Augen offenkundig […] und
das Gefühl des Verstoßen- und Verworfenseins macht den eigentlichen Schmerz
der Scham aus« (ebd., S. 842f.). Der Betroffene will sich in der Folge den Blicken
der anderen entziehen und wieder in die Verborgenheit (Geborgenheit) des
»Davor« seiner gefühlten Eingebundenheit in Gemeinschaft und Beziehung
zurückkehren. Da dies nicht ohne weiteres möglich ist, wird von »Magie« Gebrauch gemacht, um die Bloßstellung ungeschehen zu machen, wie z. B. in der
mit der Scham oft verbundenen Geste, sich die Hände vors Gesicht zu schlagen
(vgl. ebd.). Die unbewusste Fantasie dahinter: Wenn ich sie nicht sehen kann,
sehen die anderen mich auch nicht. Dieses hier dargestellte »Drama der Scham«
kann nach Schüttauf et al. (2003) in sieben Strukturmomente zerlegt werden,
die zusammengenommen das Schamgeschehen als Ganzes beschreiben. Diese
Momente bilden eine Struktur der Scham und sind nicht als chronologische Abfolge zu lesen.
1) Beziehung und Wertschätzung
Kein Individuum, auch nicht das einsamste, ist ohne strukturelle Bezogenheit auf
andere vorstellbar. Den Hintergrund jedweden Schamerlebens bilden daher immer Beziehungen, wobei sowohl Zweierbeziehungen, Gruppenzugehörigkeiten
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