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Scham als spezifisch menschliche Eigentümlichkeit
renden, Liste der Basisemotionen von Ekman (1992) fehlt. Scham kann als
»Schnittstellenaffekt« verstanden werden, der sich an der Grenze von Person und
Umwelt, zwischen dem Ich und dem Du befindet (Tiedemann 2019, S. 32). Diese
unauflösbare Verschränkung zwischen Individualität und Sozialität wohnt dem
Schambegriff als Grenzbegriff wesenhaft inne, weshalb eine definitorische Herangehensweise an die Scham keinen Sinn zu machen scheint und viele Autoren phänomenologische Zugänge als Annäherung bevorzugen (Scheler 1957; Wurmser
1998; Seidler 1995; Pfaller 2022), folglich viel eher heuristisch als streng systematisch Formen der Scham differenzieren. So ist in der Literatur u. a. von Körperscham, Scham durch Exponiertheit, Scham durch Missachtung, Scham durch Zugehörigkeitsverlust, Scham als Integritätsverletzung, Scham durch Grenzverletzung,
Scham durch gescheiterte Hybris, Scham durch passive Enthüllung oder Bloßstellung, Konsumscham, Isolationsscham oder Scham durch Verarmung die Rede
(Pfaller 2022; Marks 2021; Schüttauf 2008).
Als notwendiges Gegenstück zur narzisstischen Hybris des Menschen und seiner Tendenz sich widerrechtlich etwas anzueignen, das nur durch mehr oder weniger gewaltsame Grenzüberschreitung zu haben ist, lässt sich die Rolle der
Scham im Buch Genesis des Alten Testaments rekonstruieren, das als zivilisatorischer Gründungsmythos gelesen Auskunft über ihre fundamentale anthropologische Bedeutung gibt. Mit dem Gewahrwerden des Menschen über Gut und
Böse wird zugleich die eigene Nacktheit bemerkt, mit der Anerkenntnis der
menschlichen Neigung zur Destruktivität entsteht zugleich auch ein Verständnis
für die je eigene Vulnerabilität und Schutzbedürftigkeit: »Deshalb flochten sie
Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze« (Gen 3,7). Die erste
Grenzüberschreitung des naiven Menschen »fällt zusammen mit dem Verlust
der liebenden Anerkennung des anderen. […] Die Scham wird als widerwilliger
Hinweis auf diese immer schon überschrittene Grenze erkennbar« (Munz 2009,
S. 139). In seiner Version einer Ursprungserzählung hat der gottlose Jude Freud
(1930a) der ubiquitären Möglichkeit der Feindseligkeit des »Nebenmenschen«
bzw. »Nächsten«, die destruktive Triebnatur des Menschen, prominent das Thema der Schuld und der Schuldgefühle als Gewalt-eindämmende zivilisatorische
Kräfte beigestellt, die zum wechselseitigen Schutz der Individuen Grenzen setzen
und so dem Zerfall von Kultur entgegenwirken. Die Scham als archaischer, auch
entwicklungspsychologisch betrachtet primitiver und roher Vorläufer der
Schuld hat er trotz bester Kenntnis der jüdischen Tradition weitestgehend ignoriert. Mittlerweile ist die Scham Gegenstand vielfältigster wissenschaftlicher Auseinandersetzungen und interdisziplinärer Perspektiven geworden, die sowohl
individuumszentrierte als auch soziokulturelle Aspekte des Themas fokussieren,
deren Verständnis für die Entwicklung einer traumapädagogischen Haltung zur
Scham notwendig ist.
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