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Einstieg
Scham und Beschämung
mit Blick auf Trauma
Pia Andreatta und Gianluca Crepaldi 1
»[D]ieser Klumpen, der nicht abgetrieben wurde, der sich seiner selbst bewußt
wurde, auf dem Fußboden einer alten Baracke [...] Was machte sie so sicher,
daß sie glauben konnte, ein Mensch zu sein?« (Thomas Pynchon, V)
Einstieg
Die folgende Geschichte hat sich vor vielen Jahren auf dem Vorplatz einer Kirche im
ländlich-katholischen Raum zugetragen: Der jährliche Gottesdienst einer sozial-­
pädagogischen Einrichtung für behinderte Kinder2 ist gerade zu Ende gegangen
und vor der Kirche tummeln sich Behinderte, Angehörige, Begleitpersonen sowie
der Lehrkörper der Einrichtung. Eine Zwölfjährige begleitet ihren um drei Jahre
jüngeren Bruder Thomas, der mongoloid3 ist. Er hatte ihr kurz zuvor, im Verlauf
der stattfindenden Liturgie während der Kommunion, eröffnet, dass er aufs Klo
müsse; aber ein solches gibt es hier nicht, und auf die Schnelle ist auch keines zu
finden. Am Kirchenvorplatz stehen sie nun beide und die Menge teilt sich als der
Schrei einer Lehrerin der Einrichtung ertönt, die mit Blick und Fingerzeig auf die
Körpermitte des behinderten Buben weist: »Thomas, du bist das größte Schwein
der ganzen Schule!« Ihre Stimme klingt schrill und alarmierend, und verfehlt ihre
bloßstellende Wirkung nicht: Alle schauen zum Angeschrienen, dieser blickt an
sich hinunter und dann zu seiner Schwester auf; er drückt sich an sie und artikuliert der Sprache nie recht mächtig geworden in gestammeltem Geflüster, dass
sie, die Schwester, sich nichts aus diesem beschämenden Vorfall machen solle. Sie
nimmt ihn in die Arme und geleitet ihn aus dem öffentlichen Raum und der darin
statthabenden Demütigung hinaus. Sie fühlt sich unfähig, seine Beschämung zu
ertragen, und auch unfähig, in der Zeugenschaft selbst auch nur irgendetwas anderes hervorzubringen als Scham.
1
Beide Autoren haben zu gleichen Teilen zu diesem Text beigetragen, die Nennung erfolgt deshalb alphabetisch.
2
Wir wählen hier den Ausdruck, der zum Zeitpunkt dieses Geschehens der gängige war.
3
Auch hier halten wir, um der Erfahrungsnähe der Geschichte willen, an die lang verwendete,
mittlerweile jedoch als entwertend und rassistisch verworfene Bezeichnung für Trisomie 21 fest.
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