26 lines
2.5 KiB
Markdown
26 lines
2.5 KiB
Markdown
Zur Einführung
|
||
Wilma Weiß, Tanja Kessler und Silke Birgitta Gahleitner
|
||
|
||
Die Lebensverhältnisse für aufwachsende Kinder und Jugendliche haben sich
|
||
verändert. Das ›moderne Kind‹ benötigt ein großes Ausmaß an Flexibilität, Orientierung und Selbststeuerung (Böhnisch/Lenz/Schröer 2009). Nicht allen Kindern und Jugendlichen sind dafür die gleichen Voraussetzungen vergönnt (ebenda). Internationale Vereinbarungen wie die UN-Behindertenrechtskonvention
|
||
(UN A/RES/61/106 2007; in Deutschland 2009 in Kraft gesetzt) vertreten daher
|
||
den Anspruch, in allen Lebensbereichen für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen Inklusion und Partizipation umzusetzen (vgl. auch 13. Kinder- und
|
||
Jugendbericht: BT-Drs. 16/12860 2009). Für viele Mädchen* und Jungen* 1, die
|
||
durch physische sowie psychische Krankheit oder andere Benachteiligungen beeinträchtigt sind, wird dieses Versprechen jedoch in keiner Weise eingelöst. Für
|
||
früh traumatisierte Kinder gilt dies in besonderer Weise. In einer Studie zu frühen Traumata in der Kindheit (ACE-Studie über »adverse childhood experiences«; Felitti 2002) zeigte sich longitudinal: Menschen, die ein frühes Trauma erlitten haben, leiden ungleich häufiger an Armut, Arbeitslosigkeit, Mittellosigkeit,
|
||
unzureichender oder unsicherer Unterkunft bzw. Wohnungslosigkeit und sozialer Gefährdung.
|
||
Über viele Jahrzehnte hinweg schien die Beschäftigung mit Trauma und Traumabetroffenen eine Domäne der Psychotherapie zu sein. Dieser Eindruck entstand zumindest, wenn man auf die Suche nach entsprechenden Fachbüchern
|
||
zum Thema ging. Bei genauerer Betrachtung jedoch erwies sich dieser Eindruck
|
||
als trügerisch (Gahleitner 2010). Psychosoziale Fachkräfte arbeiteten in allen geschichtlichen Epochen mit traumatisierten Menschen. Allein ein Blick in Pestalozzis Stanser Brief von 1779 (Pestalozzi 1779/2010) gibt ein anschauliches Bild, wie
|
||
sehr die von ihm betreuten Kinder und Jugendlichen im damaligen Waisen- und
|
||
Armenhaus unter traumatischen Belastungen litten. Freuds Psychoanalyse gewann im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in pädagogischen Kreisen deutlich
|
||
mehr Einfluss als in der Psychiatrie (vgl. Dörr 2011; Schulze/Loch/Gahleitner
|
||
2012; Weiß in diesem Band). Eine Reihe heilpädagogischer Heime fungierte als
|
||
Vorläufer kinderpsychiatrischer Stationen. Psychosoziale Fachkräfte aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und (Heil-)Pädagogik gestalten daher seit jeher den
|
||
größten Anteil der Traumaversorgung.
|
||
1
|
||
|
||
Damit sind alle Dimensionen des Geschlechts gemeint.
|
||
|
||
11
|