2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/218.md

41 lines
3.6 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

220
Herausforderungen an die soziale und pädagogische Arbeit
und welche Herausforderungen sich für die pädagogische Arbeit ergeben
können12.
Generationen- und Geschlechterverhältnisse im Mikrokosmos Frauenhaus
Männliche Jugendliche nehmen ihren Aufenthalt im Frauenhaus individuell
und entsprechend unterschiedlich wahr. Je nachdem wie lange, wie häufig
und intensiv sie die Misshandlungserfahrungen ihrer Mütter, oder aber ihre
eigenen erleben mussten, aber auch abhängig von den jeweiligen Beziehungs-,
Unterstützungs- und Interaktionsangeboten durch andere Institutionen und
Personen, können sich mehr oder minder starke Verhaltensauffälligkeiten
oder aber introvertiertes Rückzugsverhalten bei den Jugendlichen zeigen.
Einzelne Jungen zeigen aggressives, zerstörerisches Verhalten, hinter dem
häufig Ängste, Unsicherheiten oder die Sehnsucht nach Nähe und Unterstützung stehen , womit die Aufmerksamkeit der Bewohnerinnen oder Mitarbeiterinnen auf sich gezogen und darüber hinaus vermeintliche „Männlichkeit“
symbolisiert wird. Andere Jungen hingegen äußern ihre Unsicherheiten, indem sie sich weitgehend aus dem Frauenhausalltag zurück ziehen, in ihrem
Zimmer verbleiben oder außer Haus die Zeit mit anderen Jugendlichen verbringen, da diese aus Sicherheits- und Anonymitätsgründen keinen Zugang
ins Frauenhaus haben.
12 Das Autonome Frauenhaus Lübeck besteht seit 1978 und verfügt heute über insgesamt vierzig
Plätze für Frauen und ihre Kinder. Die finanzielle und personelle Ausstattung kann im Vergleich
zu anderen autonomen Frauenhäusern als gut beschrieben werden, was u. a. auf die intensiv
geführten politischen Verhandlungen und Kämpfe sowie auf die zahlreichen öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Veranstaltungen der aktiven Mitarbeiterinnen, Bewohnerinnen und Vereinsfrauen zurück zu führen ist. Dabei zeichnet sich das Konzept des Frauenhauses durch seinen
ausgeprägten „Empowermentansatz“ aus, der z. B. Haus- und Rathausbesetzungen im Zuge von
Wohnraumknappheit bzw. Finanzkürzungen bedingte sowie zur Produktion von Videofilmen,
zu Planungen und Durchführungen von diversen politischen oder kulturellen Großveranstaltungen durch ehemalige Bewohnerinnen führte (vgl. frauen helfen frauen e. V. 2000). Auch in der
Arbeit mit Mädchen und Jungen gilt dieser Ansatz als selbstverständlich, weshalb Partizipation
sowie Peer-Education-Ansätze zum pädagogischen Konzept in der Kinder und Jugendarbeit
gehören und auch hier zu diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen führten, die auf
die besondere Situation von Mädchen und Jungen in Frauenhäusern aufmerksam machten (vgl.
Henschel 2003, Henschel in Sozial Extra 4/02: 30 f). Die im Frauenhaus lebenden Bewohnerinnen
haben in der Regel die Möglichkeit, sich ein Zimmer allein mit ihren Kindern zu teilen. Für die
Mädchen und Jungen stehen innerhalb des Hauses mehrere Räume zur Verfügung, die als Spielund Tobezimmer, oder als Rückzugsraum mit der Möglichkeit der Hausaufgabenbetreuung genutzt werden können. Darüber hinaus steht für die älteren Jugendlichen im Kellergeschoss ein
sogenannter Jugendraum zur Verfügung. Sowohl für die Unterstützung der Frauen, wie für die
Betreuung der Mädchen und Jungen im Haus, stehen eine gleiche Anzahl von ausgebildeten
Fachkräften zur Verfügung (z. B. Sozialarbeiterinnen/Sozialpädagoginnen, Psychologin, Sonderpädagogin, etc.). Zur Zeit arbeiten die Mitarbeiterinnen, die in der pädagogischen Arbeit mit den
Jungen und Mädchen tätig sind, an einem ausführlichen Konzept und einer Handreichung, die
ab Herbst 2005 auch dazu dienen sollen, die fachlichen Diskussionen in anderen Frauenhäusern
zu befördern.