2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/232.md

39 lines
3.5 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains invisible Unicode characters

This file contains invisible Unicode characters that are indistinguishable to humans but may be processed differently by a computer. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

234
Herausforderungen an die soziale und pädagogische Arbeit
Muster, die die Unterdrückung der Frau auf einer allgemeineren Ebene spiegeln, wurden
ausgeblendet und konnten auf diese Weise keine Irritationen auslösen“ (Goodrich/ Rampage/ Ellman/ Halstead 1991: 13).
Umgekehrt, d.h. auf die parteiliche Arbeit mit misshandelten Frauen geschaut,
kann allerdings durch die Einführung systemischer Ansätze das über lange
Zeit ausschließlich vorherrschende Opfer-Täter-Modell verändert und erweitert werden. Es wird dann ermöglicht, Situationen und Rollen nicht mehr als
festgeschriebene oder schicksalhaft zu begreifen, sondern als gesellschaftliche
Konstruktionen, die es zu hinterfragen gilt.
Doing gender als sozialkonstruktivistisches Konzept zu akzeptieren, bedeutet also sich
Ÿ˜—ȱŽ›ȱ˜›œŽ••ž—ȱ£žȱŸŽ›Š‹œŒ‘’ŽŽ—ǰȱŠœœȱŽœȱŽ’—ȱŽœȱŽûŽœȱŽœŒ‘•ŽŒ‘œœ™Ž£’ęœŒ‘ŽœȱŽ›haltensrepertoire gibt, das unabhängig von Zeit und Raum konstant bleibt. Doing gender
heißt, dass Männer und Frauen in Abgleichung mit dem sozialen Kontext ihr Geschlecht
durch ihr Verhalten herstellen, das Geschlecht etwas ist, was man tut, darstellt, fühlt und
Ž—”ȱž—ȱ—’Œ‘ȱŽ Šœǰȱ Šœȱ–Š—ȱ’–ȱ’——ŽȱŽ’—Ž›ȱ”˜—œŠ—Ž—ȱŽ›œã—•’Œ‘”Ž’œŽ’Ž—œŒ‘ŠĞȱ‘Šȃȱ
ǻŒ‘ŽĝŽ›ȱŘŖŖŚDZȱŘŚǼǯȱ
Das bedeutet, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und
für Veränderungen der eigenen Situation einzutreten. So können misshandelte Frauen nicht nur als Opfer von Männergewalt betrachtet werden, sondern
als Menschen, die ein großes Potential für Entwicklung in sich tragen und verantwortlich sind für selbst ausgeübte Gewalt, z.B. gegenüber ihren Kindern.
Zunächst muss jedoch, wenn es um häusliche Gewalt bzw. um jede Form
von Gewaltausübung geht, eine eindeutige Parteilichkeit für das Opfer eingenommen werden. Opfer und Täter müssen klar benannt und die Verantwortlichkeit für die Tat(en) eindeutig zugeordnet werden. Das Opfer bzw. die
Opfer müssen geschützt werden, Unterstützung und Bestärkung erfahren bei
gleichzeitiger Konfrontation bzw. Sanktion des Täters für sein Handeln. An
dieser Stelle kommen meines Erachtens der parteiliche und der systemische
Ansatz zusammen: Erst durch eine parteiliche Unterstützung und Stärkung
der gewaltbetroffenen Frauen und Kinder, durch eine Beendigung der Gewalt
sowie die Verantwortungsübernahme des Mannes für sein gewalttätiges Handeln gegenüber Frauen und Kindern16, kann möglicherweise eine wirkliche
Macht- und Rechtebalance zwischen den betroffenen Familienmitgliedern
hergestellt werden und ein neues Beziehungsverhältnis entstehen. Will das
Paar weiter zusammenleben, kann nachfolgend ggf. systemisch weitergearbeitet werden im Sinne von: Was braucht jedes einzelne Familienmitglied für
die eigene Zufriedenheit, für die Erfüllung seiner Bedürfnisse? Wie kann die
Möglichkeit wahrscheinlicher gemacht oder gar sichergestellt werden, dass es
nicht zu neuer Gewaltausübung kommt? Ist das in diesem System überhaupt
16 In anderen Konstrukten wird auch als „systemisch“ die ausschließliche Arbeit mit der misshandelten Frau, dem Kind/den Kindern und dem physisch abwesenden, unsichtbaren Mann bezeichnet, der dennoch durch seine Gewalttätigkeit und die daraus resultierenden Belastungen
permanent im Mittelpunkt steht. Siehe Meja/Winkler-Thie in diesem Band.