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6 Unterstützungs- und Begegnungsmöglichkeiten bei Verhaltensauffälligkeiten
Beide Eltern berichteten von Konflikten zwischen ihnen wegen unterschiedlicher Auffassung in der Erziehung ihrer Kinder. Im Verlauf der probatorischen Sitzungen war zu dem Kind ein guter Kontakt herstellbar. Johanna ließ sich auf die Anforderungen der verschiedenen Tests ein. Bei Leistungsanforderungen war sie durch Lob motivierbar, allerdings war auch eine geringe Frustrationstoleranz festzustellen; in einer Situation verweigerte sie nach mehreren Misserfolgen die weitere Arbeit. Im Rahmen der psychodiagnostischen Untersuchungen wurden verschiedene Testverfahren (»Familie in Tieren«, »Schwarzfuss-Test«, »Szeno-Test«) durchgeführt, die deutlich Hinweise auf ein geringes Selbstwerterleben und eine unsichere Stellung in der Familie zeigten. Zugleich wurden deutliche Wünsche nach Versorgung und Zuwendung deutlich. Im Intelligenztest (»Kaufman ABC«) erzielte Johanna ein leicht unterdurchschnittliches Ergebnis, es ergaben sich starke Differenzen zwischen verschiedenen Subtests und es zeigten sich Hinweise auf Probleme der Wahrnehmungsverarbeitung (hier wurde den Eltern dringend angeraten, eine dezidierte Untersuchung der Sinnesfunktionen vornehmen zu lassen). Überlegungen zur Entstehung der Auffälligkeiten Johanna wuchs unter belastenden Bedingungen auf. Schon im ersten Lebensjahr kam es zur längerfristigen Trennung von der Mutter, die ihrerseits durch den geringen Abstand der Kinder belastet war. Johanna konnte so keine sicheren Bindungserfahrungen machen und keine stabilen Beziehungsrepräsentationen aufbauen. Sie erlebte, dass ihre Lebensäußerungen nicht durchgängig adäquat und feinfühlig »beantwortet« wurden; sie hatte wenige Anregungen und konnte nur eingeschränkt Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. Die Folge davon war eine Störung des Selbstgefühls und des Selbstwerterlebens. Diese Grundstörung konnte nicht kompensiert werden: die enge Geschwisterfolge ließ wenig Raum für individuelle Zuwendung für das Kind. Die Mutter erhielt keine Unterstützung durch den Vater. Durch die Konflikte zwischen den Eltern waren wenig emotionale Kapazitäten für die Kinder da. Die teilweise ambivalente Erziehungshaltung gab wenig Sicherheit. Dies führte zu dem Selbsterleben, nicht angenommen, teilweise im Weg zu sein – gleichzeitig zeigt(e) sich ein deutlicher Wunsch nach Zuwendung. Das »Weltbegegnungsthema« von Johanna lässt sich so beschreiben: »Ich werde in meinen Wünschen und Bedürfnissen nicht gesehen, dafür ist kein richtiger Platz da. Die anderen sind meistens wichtiger als ich, ich bin weniger wert«. Das Selbsterleben wurde möglicherweise auch dadurch weiter beeinträchtigt, dass mögliche Einschränkungen der Sinnesfunktionen nicht frühzeitig beachtet wurden und es dadurch zu Überforderungssituationen des Kindes kam. Die dargestellten emotionalen und Verhaltensprobleme sind als Folge einer Selbst-Strukturstörung zu sehen. Rückzug und Leistungsverweigerung haben eher regressiven Charakter, »vorlautes Verhalten«, das »Vorgeben von Fähigkeiten« und das Übertreten von Regeln haben eher progressiven Charakter. Es gelingt Johanna, sich auf diese Weise einen gewissen Rest an Aufmerksamkeit zu 266