3.2 KiB
5 Spezifische Formen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen
Auch Streeck-Fischer (2000, 2003, 2006b) schlägt vor, die unterschiedlichen Erklärungsmodelle, die auf (frühe) Traumata zurückgehen, zusammenhängend zu betrachten: »Cohen (et al. 1987) hat – dem Rechnung tragend – vorgeschlagen, bei dieser Krankheitsgruppe von MCDD (Multiple Complex Development Disorder) zu sprechen, um die multiplen Störungen in der Affektregulation und die Beeinträchtigungen in den sozialen und kognitiven Funktionen zu berücksichtigen« (Streeck-Fischer 2006b, S. 169). Oft ist eine eindeutige Diagnose dieser Auffälligkeiten nur schwer möglich; gleichwohl haben sie eine Bedeutung insbesondere im Jugendalter. Besonders im Rahmen der Jugendhilfe sind (Kinder und) Jugendliche mit derartigen komplexen Auffälligkeiten Zielgruppe der verschiedenen Unterstützungsformen. Die Auffälligkeiten »wachsen« sich nicht aus, sondern die Jugendlichen brauchen in der Regel intensive, hochprofessionelle und vernetzte Begleitung und Unterstützung um Selbstveränderung auf der Persönlichkeits- bzw. (Selbst‐)Strukturebene gestalten zu können (vgl. Welge et al. 2006).
5.3.1
Borderline-Persönlichkeitsentwicklungsstörung
Die Diskussion um den Begriff der Persönlichkeitsstörung Es ist fachlich umstritten, ob die Kategorie der Persönlichkeitsstörungen schon auf Jugendliche angewandt werden soll. Jugendliche befinden sich noch in ihrer Entwicklung und die »Verfestigung« einer Störung der Persönlichkeit ist allein auf dieser Grundlage als kritisch zu betrachten (vgl. auch Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2003). Dennoch finden sich gerade bei Jugendlichen und besonders bei jugendlichen Mädchen eine Anzahl von Symptomen, Verhaltensweisen und Formen des Selbsterlebens, die denen der Borderlinestörung bei Erwachsenen ähnlich sind. So zeigte sich zum Beispiel in einer Studie von Jerschke et al. (1998) eine bimodale Verteilung: »Eine große Gruppe zeigte bereits im Alter von 14 Jahren Verhaltensauffälligkeiten (Ess-Störungen, Selbstschädigungen, Suizidversuche, Auffälligkeiten des Sozialverhaltens, affektive Störungen), die einer stationären Behandlung bedurften und eine zweite Gruppe, die im Mittel mit 24 Jahren erstmals stationär behandelt wurde« (Bohus 2002, S. 11). Einen ersten ähnlichen Häufigkeitsgipfel stellten auch Bernstein et al. (1993) fest. In der Fachdiskussion wird von Bürgin und Meng (2000), aber auch von P. Kernberg et al. (2001) das Konzept der Borderline-Störung auch für Jugendliche als tauglich und diagnostizierbar betrachtet. Gleichwohl fordern verschiedene Autoren, den Entwicklungsaspekt und die mögliche zeitliche Instabilität der Diagnose zu beachten: »In verschiedenen Untersuchungen konnte eine nur geringe Persistenz von Persönlichkeitsdiagnosen im Jugendalter festgestellt werden (…) (Meijer et al. 1998, Grilo et al. 2001)« (Welge et al. 2006, S. 88). Um einerseits die komplexen Symptome beschreiben und in ihren Ursachen verstehen zu können, andererseits aber den Entwicklungsaspekt der Persönlichkeit bei Jugendlichen zu berücksichtigen, schlagen Adam und Peters (2003) den Begriff
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