3.1 KiB
3 Allgemeines Modell der Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten
jeweilige Bewältigungsmodus hat wiederum Rückwirkungen auf die intrapsychische Struktur; es kann zur Verfestigung oder zu Veränderungen kommen. Die einzelnen Elemente dieses Modells (c . Abb. 3.3) werden im Folgenden detaillierter betrachtet.
3.3.1
Biologische Ursachen
Anlage-Umwelt-Debatte Bei der Betrachtung der biologischen Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten muss die Frage einer erblichen, also genetischen Bedingung für die Auffälligkeiten eingehender betrachtet werden. In der Vergangenheit – und auch in der Gegenwart – gibt es immer wieder Veröffentlichungen, in denen auf relativ oberflächliche Weise (Prozent‐)Anteile zwischen Vererbung und Umwelt definiert werden. Abgesehen von einer zum Teil fragwürdigen Methodik solcher Untersuchungen (vgl. hierzu ausführlich Petermann et al. 2004, Kap. 6), bilden derartige vereinfachende Modelle die Wirklichkeit auch nicht annähernd ab: »Der Prozess, durch den der Genotyp in den Phänotyp übertragen wird, ist komplex, dynamisch und nicht linear. Darum wird die Annahme einer additiven Beziehung zwischen Anlage und Umwelt vermutlich heute von keinem seriösen Forscher mehr ernsthaft vertreten« (ebd., S. 249). Bei diesem Zusammenspiel zwischen genetisch bedingten Anlagen und Umwelteinflüssen muss man von einer »Ko-Aktion« (ebd.) ausgehen. Menschliche Eigenschaften sind »polygen«. Dies bedeutet auch, dass nicht Merkmale oder Verhaltensweisen vererbt werden. »Anders als manchmal behauptet, bestimmen nicht die Gene die äußeren Grenzen für die Variation von Merkmalen, sondern das sich entwickelnde System, von dem die Gene nur ein Teil sind, legt den Reaktionsbereich fest, in dem die Entwicklungen sich vollziehen. Es gibt also für jeden Genotyp ein ganzes Spektrum von Phänotypen« (ebd., S. 247). Grundsätzlich ist es so, dass sich alle Menschen hundertprozentig ihre Gene teilen, sofern keine genetische Erkrankung vorhanden ist. »Die genetischen Unterschiede sind in den verschiedenen Varianten der einzelnen Gene, den Allelen, zu suchen« (ebd., S. 249). Auf diesem Hintergrund stimmen Menschen zu mindestens 99,9 % in ihren Genomen überein (Petermann et al. 2004, S. 249). Die Ausformung genetischer Differenzen ist – abgesehen von bestimmten Merkmalen wie z. B. der Augenfarbe – von Umweltbedingungen abhängig. Hierzu gibt es zumindest auf Tierebene – viele Untersuchungen lassen sich aus ethischen Gründen nicht bei Menschen durchführen – eine Reihe von Belegen. Ein solches Beispiel stellen Hüther und Krens (2005) dar: In einem Versuch mit der Technik des »Cross-Fostering« (Vertauschen der Nachkommen verschiedener Mütter) wurden die unmittelbar nach der Befruchtung entstandenen Embryonen von zwei Mäuse-Inzuchtstämmen vertauscht: »Die Tiere des einen Stammes verhalten sich angeborenermaßen in einer neuen Umgebung vorsichtiger und brauchen mehr Zeit, um sich dort zurecht zu finden. Die Tiere des anderen Stammes zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich räumlich besser orientieren können und eine gut ausgebildete Impulskontrolle aufweisen. Wurden nun 42