39 lines
3.1 KiB
Markdown
39 lines
3.1 KiB
Markdown
2 Begriffsbestimmung: Was ist »verhaltensauffällig«?
|
||
|
||
(Kämmerer 2001, S. 61). So kritisiert Schigl, »wie die gesellschaftliche Produktion
|
||
der Geschlechterrollen auch im Gesundheitswesen fortgesetzt wird. Das expansivere
|
||
Verhalten, das bei Jungen noch störend wirkt, wird im Erwachsenenalter als
|
||
männlich und stark attribuiert. Die als Kinder gesünderen Mädchen stellen sich ab
|
||
dem Eintritt der Geschlechtsreife gemäß dem Geschlechterstereotyp als vulnerabler
|
||
dar, werden auch so gesehen und behandelt« (Schigl, 2018, S. 122). Oder, wie
|
||
Kämmerer (2001), bemerkt: »Das expansivere Störungsverhalten der Jungen (wird) –
|
||
ebenfalls geschlechterstereotyp – eher auffällig und wird als abweichend und behandlungsbedürftig etikettiert. Das eher stille, unauffällige Verhalten der Mädchen
|
||
wird stattdessen ignoriert und in der Kindheit als nicht behandlungsbedürftig angesehen« (ebd.). Auch Faltermaier (2005) kommt in seiner Zusammenstellung von
|
||
Studien zur geschlechtsspezifischen Verarbeitung von Stressituationen und Belastungen zu gleichen Schlussfolgerungen.
|
||
Deutlich wird, dass auch in der Beobachtung und Beurteilung von Verhaltensweisen Geschlechterrollen und -stereotype eine Rolle spielen, und zwar sowohl bei
|
||
den beobachtenden Personen als auch bei den Kindern und Jugendlichen selbst. Die
|
||
gravierenden geschlechtsspezifischen Unterschiede, die sich im Erwachsenalter
|
||
fortsetzen (Otten et al. 2021) verdeutlichen, dass die Perspektive Geschlecht und
|
||
Gender in Forschung und Praxis stets berücksichtigt und reflektiert werden muss.
|
||
|
||
2.5
|
||
|
||
Die Bedeutung der Kultur
|
||
|
||
In kulturvergleichenden Studien wurde deutlich, dass es »deutliche interkulturelle
|
||
Variationen in der Häufigkeit und Gestaltung psychischer Erkrankungen [gibt].
|
||
Selbst bei einer Störung mit ausgeprägter Heritabilität wie der Schizophrenie, von
|
||
der man ursprünglich annahm, dass sie in allen Teilen der Welt in ähnlicher Verteilung vorkommt, konnten neue Metaanalysen Schwankungen der Prävalenz und
|
||
Inzidenz nachweisen« (Stompe & Ritter, 2014, S. 9). Ähnliche Beobachtungen und
|
||
Erkenntnisse führten zu verstärkten Forschungsaktivitäten einer Transkulturellen
|
||
Psychiatrie bzw. Psychotherapie. »Transkulturelle Psychiatrie ist definiert als eine
|
||
Richtung der Psychiatrie, die sich mit den kulturellen Aspekten der Ätiologie, der
|
||
Epidemiologie und dem Erscheinungsbild sowie der Therapie und Nachbehandlung psychischer Krankheiten befasst. Ihre beiden hauptsächlichen Aufgabenfelder
|
||
liegen auf dem Gebiet der kulturvergleichenden Analyse psychischer Störungen und
|
||
in der Entwicklung von Therapieverfahren mit kulturspezifischer oder auch mit
|
||
kulturübergreifender Wirksamkeit« (Machleidt & Graef-Calliess, 2015, S. 433). Es
|
||
zeigte sich, dass die Krankheitsbilder in unterschiedlichen Kulturen in verschiedenen Formen und Ausprägungen auftreten und auch kulturell unterschiedlich bewertet werden. Sehr deutlich sind Zusammenhänge zwischen kultureller Prägung
|
||
oder Mitbedingtheit und einzelnen psychischen Erkrankungen erkannt worden; es
|
||
konnte gezeigt werden, »wie sich gesellschaftliche Wertehaltungen, vermittelt über
|
||
32
|