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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 26 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Wolf Ritscher
• Zweitens, auch darauf wurde schon hingewiesen, ermöglicht es die
konstruktivistische Sicht auf Beziehungen im System, Aussagen
über Verhalten, Gedanken, Gefühle, Beziehungsmuster, Ereignisse
als Hypothesen zu formulieren; andere Hypothesen sind indessen
für das Fallverstehen genauso willkommen und nicht weniger wertvoll. Außerdem wird immer der Beziehungskontext mit bedacht, in
dem Wahrnehmungen von und Aussagen über Beziehungswirklichkeiten entstanden sind: Was heute im Jugendamt gesagt wurde, ist
genauso sinnvoll wie das, was morgen an möglicherweise Gegensätzlichem im Wohnzimmer der Familie oder übermorgen in einem Gespräch zwischen Familienhelferin und Mutter auf dem Kinderspielplatz gesagt wird.
• Drittens schlage ich vor, die Probleme der betroffenen Kinder und ihrer Familien als Entwicklungs- oder Übergangskrisen5 mehrerer miteinander verbundener Systeme zu verstehen. Damit wird neben dem
Beziehungsaspekt schon im Ansatz eine Zeitstruktur in die Beschreibung der Probleme eingeführt. Sie lenkt den Blick gleichermaßen auf
deren Entstehungsprozess, gegenwärtigen Beziehungskontext und
eine Zukunft, in der sie verabschiedet werden oder zumindest nicht
mehr im Fokus der Aufmerksamkeit liegen. Das Konzept der Entwicklungs- und Übergangskrise ist eng mit dem der »Entwicklungsaufgaben« (Havighurst 1948 nach Baacke 2003) verknüpft. Jeder
Mensch (der als eigenes psychisches System beschrieben werden
kann) sieht sich in seiner Lebensspanne von Geburt bis zum Tod mit
einer Vielzahl von Aufgaben konfrontiert, deren Lösung ihm neue
Entwicklungsmöglichkeiten und damit auch neue Aufgaben eröffnet
an denen er wiederum »wachsen« kann. Eine solche Aufgabe ist es
z. B., sich in der eigenen Geschlechtsrolle zu finden und sie möglicherweise auch gegen kulturelle Normen auszugestalten. Diese Ent5 Die Begriffe »Entwicklungskrise« und »Übergangskrise« beziehen sich beide auf die
Idee des psychischen, körperlichen und beziehungsmäßigen Wachstums einzelner Menschen (Subjektsysteme) und ihrer Bezugssysteme. Wachstum als positive Kategorie bedeutet dabei: zunehmende innere Differenzierung durch neu entstehende Systemelemente (z. B. erweiterte kognitive Kompetenzen der Kinder, andere Erziehungsmethoden
der Eltern, neue Regeln des Zusammenlebens) einschließlich ihrer Integration in die
schon bestehenden Muster, Rollen und Regeln der Familie, die dadurch erweitert und verändert werden, und neuer Handlungsmöglichkeiten in den Mesosystemen, deren Teil die
Familie ist. Es entsteht also ein zunehmend komplexeres Netzwerk, in das Familienmitglieder, Familie und familiäre Umwelt eingebunden sind. »Entwicklungskrise« fokussiert
dabei mehr auf die diskontinuierliche Zunahme von Differenzierung und Integration in
der Zeit, »Übergangskrise« auf die Transformation des Systems von einem Zustand in einen anderen bzw. von einer in die nächste Entwicklungsphase. Krise definiere ich in unserem Zusammenhang als biografisch hervorgehobene Situation in der Entwicklung, in
der sich entscheidet, ob diese »einen günstigen oder ungünstigen Verlauf« nimmt (s. Steinebach 2000, S. 31). Insofern beinhaltet Krise Risiko und Chance zugleich (s. Capra 1983).
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