2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/286.md

35 lines
2.3 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

286
das Diktum der Individualisierung eher auf sich selbst angewiesen
sind. In diesem Kontext kommt Heimerziehung für die Mädchen
und Jungen aus herausfordernden Lebensumständen eine weitaus
größere Bedeutung zu, als dies in der Öffentlichkeit wahrgenommen
wird. Kinder, die sexueller Gewalt, massiver körperlicher Misshandlung oder lebensbedrohender Vernachlässigung ausgesetzt
sind, können nur in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe
und fachlich gut unterstützten Pflegefamilien geschützt werden.
Die Einsparungen auf dem sozialen Sektor haben bereits heute zur
Folge, dass Jugendhilfe zuerst alle Maßnahmen probiert, bevor
Heimerziehung als Alternative erwogen wird. Wenn ambulante
Unterstützungen auch für viele Kinder und Familien hilfreich sind,
gibt es dennoch auch die Kinder und Jugendlichen, deren Leiden
hierdurch verlängert werden. Ihre Problematik wird größer, die
Anforderungen an die Pädagog*innen werden höher.
Oder aus der Sicht der Pädagog*innen: „Professionalisierung
und Personalentwicklung sind auch Ausdruck des Zustandes oder
der Entwicklung der Jugendhilfe als Ganzes, die als gesellschaftlicher
Teilbereich ebenfalls Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Standards
sind.“ (Hartwig/Kriener 1993, S. 141). Insofern verweisen ein seit
dem Erscheinen der 1. Auflage dieses Buches extrem gestiegener
Personalnotstand auf fehlende gesellschaftliche Wertschätzung und
zu geringe Förderung der Unterstützung von Menschen aus herausfordernden Lebensumständen. Auch so kann man Leid und die
Hilfe gegen Leid aus öffentlichen Diskussionen verbannen. Auch
wenn die Auseinandersetzung um sexuelle Gewalt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, geht es selten um die Anerkennung des
Leides der Überlebenden und die Unterstützung zur Bewältigung.
Während die Zeit seit Mitte der 70er Jahre bis zum Anfang der
90er als „Periode der Sozialpädagogisierung der sozialen Hilfen“ gilt,
lässt sich spätestens seit Mitte der 90er eine starke Ökonomisierung
der Hilfen beobachten: Die Überprüfung von Sozialrathäusern und
Sozialen Diensten, das Messen von Hilfeangeboten mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die
zarten Pflanzen der Humanistischen emanzipatorischen Sozialarbeit und Pädagogik müssen immer mehr der Ökonomisierung
weichen. Die Sanktionspraxis gegenüber Hilfeempfängern hebelt