2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/085.md

32 lines
2.3 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

85
Gewalt gegen Kinder käme zwar vor, aber selten. Das neurotische
junge Mädchen aber will seine eigenen sexuellen Wünsche nicht
akzeptieren und erfindet sexuelle Gewalt in der Kindheit, um diese
Wünsche zu verdecken.
Freud glaubte den Frauen nicht mehr die reale Erfahrung des
Missbrauchs: „Als ich dann doch erkennen musste, diese Verführungsszenen seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die
meine Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt
hatte, war ich eine Zeitlang ratlos“ (Freud 1925, GW XIV, S. 59). Zwar
sei es nicht angemessen so Judith Lewis Herman diesen Widerruf
als Akt persönlicher Feigheit und Skandal zu kritisieren, allerdings
„[…] nahm Freuds Zurückweisung der Traumatheorie immer mehr
eine seltsam dogmatische Qualität an. […] Mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit, die ihn zu immer verwickelteren Theorien zwang, bestand er darauf, dass Frauen sich die missbräuchlichen sexuellen
Begegnungen, über die sie klagten, einbildeten und wünschten.“
(Herman 1993, S. 32)
Später zweifelte Sigmund Freud selbst an seinem Widerruf, dennoch prägte dieser lange Zeit die psychoanalytische
Theoriebildung (Masson 1986). Mit seinem Widerruf brach die
Hysterieforschung, die erste Traumaforschung, zusammen. Zu
Gunsten der pathogenen Wirkungen von Fantasien wurden die
pathogenen Wirkungen des realen Traumas vernachlässigt, Frauen
als unter- oder fehlentwickelt bezeichnet. In Folge scheiterte auch
der ungarische Psychiater Sandor Ferenczi 1932 auf dem Psychoanalytischen Kongress in Wiesbaden mit der These vom realen
Ursprung des Traumas. In seinem Vortrag Die Sprachverwirrung
zwischen dem Erwachsenen und dem Kind. Die Sprache der Zärtlichkeit und die Sprache der Leidenschaft beschrieb er die Hilflosigkeit des
Kindes angesichts der Konfrontation mit einem Erwachsenen, der
die Verletzlichkeit des Kindes und sein Bedürfnis nach Zuneigung
missbraucht. Kinder erfahren Hilflosigkeit und Terror, ihr hauptsächlicher Abwehrmechanismus sei die Identifikation mit dem
Aggressor (Ferenczi 1933/1972, S. 308 f.). Dies kostete ihn seine
Freundschaft mit Sigmund Freud, er wurde geschnitten und lächerlich gemacht (vgl. Masson 1986). Die Doktrin des intrapsychischen
Konflikts und der kindlichen Sexualverdrängung hatten so van