2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/016.md

35 lines
2.3 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

16
herausforderndem Verhalten der Kinder und Jugendlichen führen
zum gemeinsamen Verstehen und Verstandenwerden ist das Prinzip
des „guten Grundes“. Die Pathologisierung der Auswirkungen
herausfordernder Lebensumstände wird als nicht zulässig erklärt,
weil sie den Betroffenen ihre Würde nimmt. Jedes noch so „auffällige“ oder destruktive Verhalten hat einen guten Grund. Im Leben
mit Gewalt und Vernachlässigung kann dieses Verhalten rettend
sein, später kann es beeinträchtigen, immer ist es verstehbar und
es ist veränderbar, sobald es verstanden wurde. Wilma Weiß gesellschaftskritischer Blick individualisiert Leid und Bewältigung nicht,
auch wenn jedes einzelne Kind, auf das sie eingeht, als Individuum
mit einer eigenen Geschichte ernst genommen wird. Aber die
Geschichten werden kontextualisiert: die gesellschaftliche Wirklichkeit muss erlauben, dass das Trauma bewusst erforscht wird.
Hier ist die neue Ausgabe des Buches um einen wichtigen Aspekt
ergänzt worden: um die Unterstützung von geflüchteten Kindern
und Jugendlichen. Wilma Weiß kritische Haltung grenzt sich ab
von einem beschönigenden oder vereinfachenden Verständnis von
Resilienz oder posttraumatischem Wachstum. Es geht nicht um
Selbstoptimierung, sondern um die Integration kaum erträglicher
Erlebnisse und deren Bearbeitung und Verdichtung zu Erfahrungen.
Das Konzept des „sicheren Ortes“ erweitert sie um ein Konzept für
den Schutz vor sexueller Retraumatisierung in der Einrichtung. Sie
setzt sich dafür ein. dass sich die Fachrichtung Traumapädagogik
stärker einer traumasensiblen Geschlechter- und Sexualpädagogik
widmet.
Wilma Weiß macht klare Ansagen: „Traumapädagogik ist
notwendig!“, „Selbst-Verstehen ist wichtig!“, „Transparenz und
Partizipation sind unverzichtbar!“. Das sind starke Statements, die
im Buch sorgfältig theoriebasiert und praxisbezogen begründet
werden. Pädagogik wird in ihrer Analyse in die Verantwortung genommen und gleichzeitig aufgewertet in einem Konzept, das die
Integration von therapeutischem Wissen in die Pädagogik und die
Zusammenarbeit von Pädagogik und Therapie vorsieht. Es geht um
Respekt, Transparenz und Zuverlässigkeit von Pädagog*innen im
Alltag der Jugendhilfe. „Kinder und Jugendliche aus stationären Einrichtungen weisen eindeutig den Fachkräften im Alltag die größte