23 lines
2.6 KiB
Markdown
23 lines
2.6 KiB
Markdown
44
|
||
|
||
Psychoanalytische Pädagogik
|
||
|
||
Psychoanalytische Pädagogik
|
||
Margret Dörr
|
||
|
||
Die Psychoanalytische Pädagogik ist aus dem Nachdenken über und den Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen hervorgegangen, die derzeit mehrheitlich
|
||
als ›traumatisiert‹ psychiatrisch diagnostiziert werden. Seit ihren Anfängen richtet
|
||
sie ihr Augenmerk auf die sozialhistorische Dialektik von Psycho- und Soziodynamik, die auch im unmittelbaren pädagogischen Geschehen ihre Wirkungen entfaltet. Dabei betrachtet sie Bildung nicht als identisch mit der Aneignung von Wissen
|
||
und dem Erwerb von Lernkompetenz, sondern umfassender als eine aktive Auseinandersetzung des (werdenden) Subjekts mit der Welt, dem Selbst und den Mitmenschen im Kontext gesellschaftlicher Widersprüche (Schäfer 2003). Ausgehend
|
||
von der Psychoanalyse steht in ihrer Theorie die Annahme eines »ubiquitären dynamischen Unbewussten« im Zentrum. Diese besagt, dass sich Menschen beständig mit Erlebnisinhalten konfrontiert sehen, die sie unbewusst als sehr bedrohlich
|
||
erleben und die sie deshalb aktiv, mithilfe verschiedener Formen von unbewussten
|
||
Abwehr- und Sicherungsaktivitäten, vom Bereich des bewusst Wahrnehmbaren
|
||
fernzuhalten versuchen (Datler 2003; Datler/Wininger 2018). Entsprechend ist ihr
|
||
psychoanalytisch-pädagogisches Nachdenken über und ihr gekonntes Tun grundsätzlich – eben nicht nur in der Theorie über und Praxis mit als ›traumatisiert‹
|
||
geltenden oder psychiatrisch krank diagnostizierten Menschen – auf die Möglichkeiten, Besonderheiten und Behinderungen der inneren und äußeren Austauschfähigkeit ihrer Adressat*innen gerichtet.
|
||
Das tragfähige Fundament für diese Praxis bildet ein psychoanalytisches Konzept des Verstehens und Begreifens. Einbezogen ist darin die Kunst des verstehenden Annehmens ›unverständlicher‹ Anderer sowie die Bereitschaft zu einem bewussten Umgang mit der eigenen schmerzhaften Verletzlichkeit, die das Ringen
|
||
um eine gemeinsame Verständigung – trotz konflikthafter Widersprüche und Gegensätzlichkeiten – orientieren (Dörr/Gstach 2015).
|
||
Diese Perspektive verlangt eine differenzierte Auseinandersetzung auch mit jenen Dimensionen von innerpsychischen Prozessen, Beziehungen und Institutionalisierungen, die der bewussten Reflexion und Kontrolle nicht oder nur schwer
|
||
zugänglich sind und die keineswegs nur auf der Ebene unmittelbarer pädagogischer Interaktionen zur Geltung kommen, sondern auch auf der Ebene der Herstellung von strukturierenden Bedingungen für solche Interaktionen (Dörr/Müller 2019, S. 19). Die Wirkung des Unbewussten betrifft nämlich auch den
|
||
Handlungsrahmen, also die organisationspädagogische Seite: Jede organisierte
|