2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/027.md

2.8 KiB

Die Entwicklung traumapädagogischer Bindungskonzepte

Selbstbemächtigung bedeutet immer auch, gesellschaftliche Wirklichkeiten zu verstehen und darauf Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Auch in diesem Sinne steht sie in der Tradition der emanzipatorischen Bewegung. Die Unterstützung des Verstehens und des gemeinsamen Verstehens kann im Einzelkontakt als auch im Gruppenkontakt geleistet werden. Mittlerweile werden in unterschiedliche Kontexten traumapädagogische Workshop für Kinder und Jugendliche angeboten. Der Gewinn für die Mädchen* und Jungen* weist auf die große Bedeutung für die Bearbeitung traumatischer Erfahrungen hin (Weiß/Metzenauer in diesem Band.

Die Entwicklung traumapädagogischer Bindungskonzepte Positive Beziehungserfahrungen sind der vielleicht wesentlichste Beitrag für eine gelingende Traumabearbeitung. Und so betonen alle Konzepte, z. B. die milieutherapeutischen Konzepte (vgl. z. B. Gahleitner 2011), die Bedeutung von Bindung. In der theoretischen Konzeption setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte, die manchmal im Handeln erkennbar sind, meist fließen diese ineinander und ergänzen sich. Traumatisierten Mädchen* und Jungen* nutzt Beziehungsvielfalt. Im idealen Fall leben sie in einem Raum stabiler, sozialer Beziehungen, in einer heilenden Gemeinschaft. »Ausdrücklich geht es bei diesen Überlegungen jedoch um Beziehungsvielfalt, nicht um Beziehungsdyaden alleine« (Gahleitner 2011, S. 29). Für belastete Kinder ist die Erfahrung, sie haben für jemanden Bedeutung, oft ganz neu. Sie beschreiben viele Jahre später die eine Stunde, den einen Moment, als die Kollegin bzw. der Kollege für sie Zeit hatte und etwas Besonderes unternommen hat, vielleicht besonders zugehört hat, als exklusiv. Diese exklusive Beziehung (Weiß 2003) schließt nicht andere Kinder oder Pädagoginnen aus, sie schließt exklusive Momente ein. Die Heimerziehungsforschung ist eindeutig: Die exklusive Beziehung kann die Nachteile bzw. Spannungen der institutionellen Bedingungen, wie z. B. Schichtdienst oder Beziehung als Broterwerb, teilweise ausgleichen: »Sie suchen weiterhin nach dem Verlorenen oder erfolglos Gesuchten, nach Erwachsenen, die persönliche Verantwortung gerade für sie übernehmen würden, zu denen sie gehören könnten« (Wieland et al. 1992, S. 95). Bindungsbalance stellt einen mittleren Abstand und die Balance zwischen distanzierter professioneller Reflexion und persönlichem Engagement her: »Als Modell für eine gute Beziehungsgestaltung fungiert […] die Grundhaltung der Dialektisch Behavioralen Therapie von Marsha Linehan, der mittlere professionelle Beziehungsabstand und die Achtsamkeit auf die Grenzen der professionellen Helfer« (Schmid 2008, S. 8). Die Berücksichtigung der zum Teil desaströsen Bindungserfahrungen der Mädchen und Jungen* im pädagogischen Alltag erfordert einen reflexiven Umgang

27