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Ausgangspunkt der Begriffsdiskussion von Habitus bildet die von Bourdieu
in Anlehnung an Chomsky entwickelte Habituskonzeption. Nach ihm ist
»Habitus als ein System verinnerlichter Muster [zu verstehen], die es
erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer
Kultur zu erzeugen und nur diese« (Bourdieu 1974:143). Kern des
Habitusbegriffs ist die Tendenz, in bestimmten Situationen auf spezifische
Weise zu handeln und dies aufgrund früherer Lernerfahrungen, die
gespeichert sind und jeweils in ähnlichen Situationen abgerufen werden.
Durch mehrfache Wiederholung prägt sich ein Muster ein, es habitualisiert
sich. Dadurch formieren sich internalisierte Schemata, die Bourdieu auch
als Dispositionen bezeichnet. Diese sind durch Wiederholung eingeprägte
psychosomatische Erinnerungen, die Menschen zu einer bestimmten
Handlungsweise tendieren lassen, diese aber nicht festlegen. Der Habitus
bildet sich, wenn sich ein Mensch die Strukturen seiner Umwelt aneignet.
Im Habitus sind damit soziale Strukturen eingeprägt. Diese wiederum leiten
sein Handeln und tendieren dazu, sich zu reproduzieren. Bourdieu erklärt
eine Handlung als die Rekonstruktion des Zusammenhangs zwischen
Entstehung und Anwendung des Habitus. Dabei stellt seine Anwendung
einen Eingriff in die Bedingungen dar und kann somit die sozialen
Strukturen verändern. »Die für einen spezifischen Typus von Umgebung
konstitutiven Strukturen (etwa die eine Klasse charakterisierenden
Existenzbedingungen) (…) erzeugen Habitusformen, d. h. Systeme
dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als
strukturierende Strukturen zu wirken« (ebd.:164 f.). Die Handlungsformen
prägen sich aber mehr dem Körper als dem Bewusstsein ein (vgl. ebd.:194).
Es geschieht eine sog. Inkorporationsannahme, der Körper wird
Gedächtnisstütze für die Handelnden. Die Habitusbildung verhilft nach
Bourdieu dazu, sich vor Krisen oder Infragestellungen zu schützen.
In der Sozialen Arbeit wurde der Habitusbegriff vor allem von
Oevermann aufgegriffen und weiter ausdifferenziert. Er versteht unter
Habitusformation »jene tief liegenden, als Automatismen außerhalb der
bewussten Kontrollierbarkeit operierenden und ablaufenden
Handlungsprogrammierungen (…), die wie eine Charakterformation das
Verhalten und Handeln von Individuen kennzeichnen und
bestimmen« (Oevermann 2001:45). Es gehe nicht um soziale
Deutungsmuster, sondern um psychische Haltungen, die tief im sozialen
Unbewussten lägen und nur anhand von Handlungsprotokollen
rekonstruierbar seien. Für die Herausbildung der Habitusformation sind
nach Oevermann Krisen bzw. die Bewältigung von (Lebens-)Krisen (wie
z. B. Geburt oder Adoleszenz) konstituierende Elemente, denn diese
verhelfen zu einem sog. strukturellen Optimismus, welcher den
elementaren Habitus der Positivität des Lebens bildet (vgl. Becker/Müller
2009:15 f.). Aus professionstheoretischen Überlegungen kommt Oevermann
zur Überzeugung, dass für die Ausübung einer Profession durch die
exemplarische Aneignung fachspezifischer Methoden, Theorien und
Wissensinhalte ein spezifischer Habitus ausgebildet werden muss, der den
Berufskern bildet (vgl. Oevermann 2005:18). Dies geschieht über die
Verinnerlichung einer spezifischen Berufsethik, der Fähigkeit zur
Ausgestaltung eines Arbeitsbündnisses mit Klientinnen der Sozialen Arbeit
und der Fähigkeit zum Fallverstehen unter Bezugnahme aus