2026-001/documents/arbeit/pages/336.md
KPG Mentor 0cec1b5740 feat: extract individual page markdown files from PDFs
Generated pages/ subfolders for all documents:
- arbeit: 386 pages
- praxis: 297 pages
- EPG: 11 pages

Page numbers are 0-based PDF indices matching the book viewer.
Extracted using pdftotext.
2026-03-05 11:13:56 +00:00

46 lines
2.9 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

kontinuierlicher Reflexion und eines Lernen Wollens am Fall ein
angemessener Umgang ist mit dem Strukturmerkmal der geringen
Standardisierbarkeit des professionellen Handelns. Fehler zu machen,
manchmal auch das eigene Scheitern festzustellen werden dann als Chance
zu gemeinsamem Lernen begriffen. Dies allerdings setzt eine Kultur der
Fehlerfreundlichkeit in der Organisation ebenso voraus wie Offenheit,
Ehrlichkeit und Mut zu kritischem Hinschauen bei den Sozialarbeiterinnen.
Müller (2012) hat dies in den ersten drei (der insgesamt sieben)
Arbeitsregeln zur Evaluation anschaulich zusammengefasst.
• Evaluation heißt genaues und ehrliches Zugänglichmachen von
empfindlichen Punkten.
• Evaluation hat Voraussetzungen: Man muss sie sich leisten können! In
einem Klima, in dem Angst und wechselseitige Bedrohung herrschen, ist
Selbstevaluation unmöglich. Sie muss freiwillig sein und kann nicht
erzwungen werden. Sie muss davor geschützt werden, missbraucht zu
werden. Und sie erfordert etwas Zivilcourage.
• Selbstevaluation heißt Herstellen von Rahmenbedingungen, die Offenheit
und ungeschützte Kritik erleichtern (vgl. ebd.:163166).
Erst unter diesen Voraussetzungen kann Evaluation zu einer echten
Möglichkeit gemeinsamen Lernens werden. Nicht nur für die
Professionellen, sondern auch für Klienten kann diese Kultur der
Fehlerfreundlichkeit sehr entlastend sein.
Ein Beispiel: In einem Beratungsgespräch mit einer jungen Frau wird als
Ziel Berufsfindung formuliert. Eines der Feinziele lautet: Die Klientin
hat Schnupperlehren in drei unterschiedlichen beruflichen Bereichen
absolviert. Bereits nach einem halben Tag jedoch bricht die Klientin die
erste Schnupperlehre ab und wagt auch keine weiteren Versuche mehr.
Im nächsten Beratungsgespräch könnte dann festgestellt werden, dass die
Klientin das Ziel nicht erreicht hat was diese wahrscheinlich als
Bestätigung ihres Ungenügens erleben würde. Wenn der Sozialarbeiter
hingegen eingesteht, dass er zu wenig erkannt hat, wie Angst besetzt
diese Aufgabe Schnupperlehre für die Klientin ist (d. h. seine Diagnose
fehlerhaft war), und man offensichtlich ein unsinniges Ziel formuliert
habe, entlastet das die Klientin von Versagensgefühlen und eröffnet einen
neuen Möglichkeitsraum.
Auch die gemeinsame Evaluation mit Klienten hat Voraussetzungen. Ihr
Gelingen hängt davon ab, ob Sozialpädagogen einen Raum und eine
Atmosphäre schaffen und die Arbeitsbeziehung so gestalten können, dass
Klienten trotz struktureller Machtasymmetrie und in vielen Fällen
bestehendem Abhängigkeitsverhältnis ( Kap. 3.2.4) angstfrei ehrliche
und auch kritische Rückmeldungen äußern können.
Reflexionsgefäße und Dokumentation
Im Handlungsdruck und in der Hektik professioneller Praxis scheint oftmals
keinerlei Zeit übrig zu sein für Evaluation, für diesen scheinbaren Luxus des
Innehaltens, der Selbstbetrachtung und des Aufzeichnens. Eine fallbezogene