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Sichtweisen und Einschätzungen verschiedener Beteiligter in einem Fall
erfasst werden. Die Auslegeordnung kann aber auch mit Hilfe eines
(teil-)standardisierten Analyseinstruments geschehen, in dem entlang
vorgegebener Kategorien die sich meist auf verschiedene Lebensbereiche
beziehen Bewertungen vorgenommen werden (z. B. zu Ressourcen und
Schwierigkeiten). Grundsätzlich bezieht sich jede dieser Analysemethoden
darauf, die Probleme und Risiken in einem Fall herauszuarbeiten wie auch
die Ressourcen zu erkennen und festzuhalten und danach den weiteren
Bedarf an Erklärung/Diagnose oder aber Intervention zu ermitteln.
Sowohl bei Erhebung der Probleme und Risiken wie auch der Ressourcen
kommen das Menschenbild und die übergeordnete Zielsetzung der Sozialen
Arbeit zum Tragen ( Kap. 2.2.2 und Kap. 4.1.3): Stets wird nach
individuellen und sozialen Risiken und eben solchen Ressourcen gesucht.
Wie bereits in der Situationserfassung wird also auch bei der Analyse die
soziale Dimension berücksichtigt, indem Informationen zu Lebenslage und
sozialer Integration erfasst werden.
Losgelöst von einer spezifischen Methode können bei einer Analyse auch
offene Analysefragen genutzt werden, mit denen eruiert wird, was denn in
einem konkreten Fall für einzelne Beteiligte von Bedeutung ist, was bekannt
und was unklar ist, was einfach und was schwierig etc.. Wenn Fall bezogen
solche klärenden Unterscheidungen getroffen und Fragen formuliert und
danach untersucht werden, sprechen wir von Analyse in einem weiten
Sinne und in offener Form ( Kap. 9.6.3).
Im Konzept Kooperative Prozessgestaltung gilt es als methodischer
Standard, dass Analysemethoden für beide Kooperationsebenen genutzt
werden. Es braucht geeignete Analysemethoden, um die Beurteilung der
Situation und die Selbsteinschätzung eines/der Klienten einzuholen. Dies
ist zugleich eine gute Möglichkeit, einen noch wenig motivierten Klienten
für die Kooperation zu gewinnen. Erforderlich sind aber auch methodische
Möglichkeiten für die fachliche Einschätzung: Sei es dafür, dass eine
fallführende Sozialarbeiterin eine Beurteilung vornimmt (z. B.
Anspruchsberechtigung hinsichtlich Sozialhilfe), sei es, dass in einem
intra- oder interprofessionellen Team aus den je individuellen
Beobachtungen während der Situationserfassung gemeinsam
herausgearbeitet wird, welche Fähigkeiten/Ressourcen und welche
Schwierigkeiten sich zeigen und wo es Handlungsbedarf gibt. Je nach
institutionellem Kontext und nach Komplexitätsgrad eines Falles hat die
Analyse eher einen Fokus auf Erkenntnisse als Basis für eine Diagnose oder
eher auf Intervention. Wir werden zudem im Verlaufe des Kapitels zeigen,
dass manche Analysemethoden besonders geeignet sind für den Einsatz in
bestimmten Praxisfeldern oder -organisationen.
Für verschiedene Handlungsfelder wurden übergreifende Konzepte oder
spezifische Analyseinstrumente entwickelt, wie z. B. die Internationale
Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)
der WHO (2001) für den Bereich der Behindertenhilfe oder das multiaxiale
Diagnosesystem (Jacob/Wahlen 2007) für die Jugendhilfe. Wir werden in
unserem Lehrbuch auf solche praxisfeldspezifischen Konzepte und
Methoden aus Platzgründen nicht weiter eingehen (und verweisen
interessierte Leserinnen stattdessen auf Buttner et al. 2020).