2026-001/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/543.md

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6.6.3.5Primärperspektive Raum Diese Perspektive wurde besonders von Minuchin, Papp (vgl. etwa Minuchin 1977; Minuchin u. Fishman 1983; Papp 1989) und den Vertreterinnen des systemischen Psychodramas betont (vgl. etwa Ritscher 1998; Farmer 1998). Die Familie ermöglicht der Sozialarbeiterin schon durch die erste, selbst gewählte Sitzordnung nach Betreten des Raumes Hypothesen über familiäre Beziehungsmuster, Bündnisse und Grenzen. Wer sitzt neben wem, wer zeigt sich wem durch Blickrichtung und Körperhaltung zu- bzw. abgewandt, wer setzt sich als Erste, bzw. wer hat Schwierigkeiten, seinen Platz zu finden? Es gibt Familienmitglieder, die trotz guter Beheizung des Raumes ihren Wintermantel nicht ausziehen und damit ein deutliches Zeichen ihrer Vorsichtshaltung und Fluchtbereitschaft geben. Andere schließen noch pfeifend ihr Auto vor der Beratungsstelle ab, und ihre Gesichtszüge verändern sich grundlegend, wenn sie die Klingel betätigen: Die Sorgenfalten werden tiefer, Augen und Mundwinkel signalisieren eine depressive Stimmung, und der Rücken beugt sich nun unter der Last der Probleme. Die hier präsente Idee heißt: Zur Therapie geht man nicht fröhlich; ich darf dort nur erscheinen, wenn ich Probleme habe, die mich schwer bedrücken. Allein das Betreten des entsprechenden Raumes löst im Sinne der Hypnotherapie eine „Problemtrance“ aus. Hier bietet sich als Intervention das Angebot an, auch dann zur Beratung zu kommen, wenn man über die schönen Seiten des Lebens berichten möchte; oder die Versicherung, dass mit der Lösung des Problems die Therapie nicht sofort beendet sein muss. Papp, die ihre Karriere als Schauspielerin begann, arbeitete mit Familienchoreografien. Sie inszenierte in ihren familientherapeutischen Sitzungen ein Familien-Theater. Ein Mitglied präsentiert in der Mitte des Raumes mit allen ihm zur Verfügung stehenden körperlichen Ausdrucksmitteln sein Thema, und die anderen Familienmitglieder erhalten die Funktion des Chores im antiken griechischen Drama: Sie kommentieren das Gesehene und Gehörte aus der Distanz und stellen es damit in den Sinnzusammenhang des familiären „Holons“. Das entspricht auch den Inszenierungen familienbezogener psychodramatischer Rollenspiele, bei denen der ganze Raum als Bühne und Auditorium genutzt wird.