2.4 KiB
„Diagnostisch“ zeigt der Umgang mit der „Hausaufgabe“11, inwieweit die Verbindung von Sozialarbeiterin und Adressatin im Rahmen des Unterstützungssystems gelungen ist. Er zeigt auch an, ob sich die Fachfrau mit ihren Hypothesen und Interventionen in die kognitiv-affektive Landkarte der Familie und ihrer Mitglieder integrieren konnte, ohne sich darin eindeutig kalkulierbar zu verorten. Als „Intervention“ soll das Experiment dem System einen neuen Handlungsspielraum eröffnen, ohne dass damit die Handlungsergebnisse vorweggenommen würden. So bleiben die Auftraggeberinnen auch offiziell immer in der Rolle der Spezialistinnen für ihren Alltag. Der Vorschlag für das Experiment wird im Rahmen der vierten Phase des Interviews präsentiert und erhält den Status eines Rituals. Thema und Prozedurvorschlag müssen sich im Prozess des Gespräches entwickeln, d. h., sie müssen zu der kognitiv-affektiven Familienlandkarte, der konkreten Alltagssituation und den Ressourcen der Familien passen. Um diese Grundforderung zu realisieren, sollte die Sozialarbeiterin vor der formalen Präsentation ihres Vorschlages durch hypothetische Fragen erforschen, ob es eine Bereitschaft von allen Mitgliedern des Systems für dessen Übernahme gibt und was die möglichen Folgen für die Familiendynamik sein könnten. Eine Weigerung der Familie, den Vorschlag zu übernehmen, ist eine wertvolle Information für die Sozialarbeiterin und keinerlei Anlass, sich gekränkt oder unfähig zu fühlen. Sie zeigt, dass die notwendige Passung zwischen dem Experiment und der Familiensituation nicht vorhanden war. Das kann thematisiert werden und ergibt eine Vielzahl neuer Einsichten, die den Entwicklungsprozess des Therapiebzw. Unterstützungssystems voranbringen. Die erste Mailänder Gruppe hat viele bekannt gewordene und in unterschiedlichen Kontexten verwendbare „Hausaufgaben“ erfunden (Selvini Palazzoli 1982) Eine davon hieß Gerade und ungerade Tage. Eltern, die im gleichen thematischen Kontext – z. B. bei der Kindererziehung – um die permanente Vorrangstellung kämpfen, erhalten die Aufgabe, sich in der verantwortlichen und damit auch dominierenden Position von Tag zu Tag, Woche zu Woche oder im Zweiwochenrhythmus abzuwechseln. Die Entlassung aus der Verantwortung ist verbunden mit der Aufgabe, verstärkt auf die Wechselbeziehung zwischen dem Handeln der/des anderen und den eigenen Reaktionen zu achten: Welche Gedanken bemerke ich, welche