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Trauma und Körper

unteren Gehirnregionen aktiviert (limbisches System und Reptilienhirn) und umso mehr werden schützende Verteidigungsreaktionen ausgebildet. Gleichzeitig schränkt sich der Zugriff auf die obere Hirnregion des Neokortex ein. »Ist ein bestimmter Punkt dann überschritten durch Plötzlichkeit oder das Gefühl von Hilflosigkeit und Lebensbedrohung reagiert der Körper vollautomatisch und das Programm der Lebenssicherung läuft ab« (Hantke/Görges 2012, S. 60). Die Entscheidungsfindung durch unser Großhirn ist damit ausgeschaltet. Je häufiger diese Notfallreaktion im Laufe eines Lebens eingeschaltet wird, umso weniger findet eine gleichzeitige Weiterleitung von Informationen über die Amygdala an die oberen und unteren Gehirnbereiche statt. Stattdessen interpretiert die Amygdala eingehende Signale als Bedrohung und leitet die Information an das Reptilienhirn weiter. Die Unterbrechung des Zusammenwirkens der Gehirnteile wird Dissoziation genannt. Dissoziation ist ein Abwehrmechanismus während und nach dem Trauma. Dabei trennt sich die bewusste Wahrnehmung von unserem Körpergeschehen ab (Hantke/Görges 2012). Die Einheit von Gedächtnis, Identität und Wahrnehmung, die ein psychisch gesunder Mensch erlebt, ist bei der Dissoziation nachhaltig gestört (Weiß 2014). Das überwältigende Erleben führt zu Zersplitterung des Erlebens in Einzelteile, wird auch so im Gehirn abgespeichert, und daher kann nach dem Trauma das Erlebte nur fragmentiert wahrgenommen werden. Diese Störung ist also ein Schutzmechanismus auf überwältigenden Stress, sie ist »eine eigentlich gesunde und normale Reaktion der Psyche auf ungesunde, unnormale und lebensbedrohliche Zustände (Weiß 2014, S. 13). Da bei der Informationsweiterleitung während des traumatischen Stresszustandes Hippocampus (Sitz des deklarativen Gedächtnisses) und Neokortex unbeteiligt gelassen werden, können Informationen aus dem traumatischen Erlebnis auch nicht im deklarativen Gedächtnis gespeichert werden. Die Informationen aus dem Erlebnis werden so auch nicht in einen Kontext von Raum und Zeit eingeordnet. Diese Einbettung ermöglicht normalerweise die Regulation von Stress und intensiven Gefühlen (Landolt/Hensel 2008, S. 16). Sie werden vielmehr im non-deklarativen Gedächtnis gespeichert. Mit ihrer hohen emotionalen Ladung aus dem traumatischen Stresszustand sind sie leicht triggerbar. Unser Sprachzentrum verringert während des Erlebens von Furcht seine Aktivität. So können wir unsere Gedanken und Gefühle nicht richtig in Worte fassen (van der Kolk 2015, S. 57). Levine (2010) bezeichnet daher zu Recht Trauma als sprachloses Entsetzen. Weiß (2009;2014; 2024), Krüger (2007; 2013) und Hantke/Görges (2012) stellen (visualisierte) Erklärungsmodelle vor, mit denen sie (speziell) Kindern und Jugendlichen die Funktionsweise des Gehirns bei traumatischem Stress verständlich machen.