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Transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen
genauso bedeutsam für spätere wie umgekehrt. Insbesondere in der französischen
Psychoanalyse dient das Konzept der Nachträglichkeit zur Erklärung von Erinnerungsprozessen. Die Erinnerung verläuft weder linear von der Vergangenheit in
die Gegenwart, wie dies inzwischen veraltete Abbildtheorien annehmen, noch
umgekehrt von der Gegenwart in die Zukunft, wie dies gegenwärtige konstruktivistische Theorien behaupten, sondern in komplexen, konstellativen zeitlichen Bewegungen, die unsere lineare Zeiterfahrung aufheben und sowohl von der Vergangenheit in die Gegenwart wirken als auch umgekehrt von der Gegenwart in die
Vergangenheit. Man kann die Traumatisierungen einer früheren Generation im
Sinne von Erinnerungsspuren verstehen, die an die nachfolgenden weitergegeben
und von diesen mit Bedeutung versehen werden. Je nach dem aktuellen kognitiven, sozialen oder affektiven Entwicklungsstand eines Individuums erhalten die
Spuren der elterlichen Traumatisierung neue Bedeutung, entstehen neue unbewusste Versuche, die rätselhaften elterlichen Botschaften zu entziffern. Die Traumatisierungen früherer Generationen lassen sich somit nicht »ein für alle Mal«
psychisch integrieren, sondern stellen eine fortwährende psychische Aufgabe im
Verlauf des Lebens dar.
Kollektive transgenerative Weitergabe von
Traumatisierungen
Mit dem Zusammenhang zwischen der Kernidentität von Einzelnen und der
Großgruppenidentität, die durch die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, politischen oder nationalen Gruppe entsteht, befasst sich eingehend Vamik Volkan
(Volkan/Walde 2000; Volkan 2011). Er arbeitet die transgenerative Weitergabe anhand von »auserwählten (chosen) Traumata« und »auserwählten Heldentaten«
heraus. Mit dem Begriff des »auserwählten Traumas« wird die unbewusste Wahl
einer Großgruppe beschrieben, ihrer eigenen Identität die psychische Repräsentanz eines bestimmten traumatischen Ereignisses hinzuzufügen, das eine frühere
Generation durchleben musste: »Das auserwählte Trauma gibt Tausenden und
Millionen Menschen eine Bestimmung, macht sie zu Auserwählten, die durch die
kollektiven psychischen Repräsentationen dieses Traumas zusammengeschmiedet
werden« (Volkan/Walde 2000, S. 944). »Auserwählte Traumata« sind traumatische
Erfahrungen früherer Generationen, die ihnen von einer anderen Gruppe in der
Regel einem geografischen Nachbarn zugefügt wurden und die nicht betrauert
wurden, sondern vielmehr nachhaltig deren Selbstachtung im Sinne von narzisstischen Kränkungen beeinträchtigten. Als ethnisches oder nationales Identitätsmerkmal werden die massiven kollektiven Traumatisierungen mit der Kernidentität jedes Einzelnen verwoben: »Diese verletzten Selbst- und internalisierten
Objektbilder […] [werden] in den sich entwickelnden Selbstbildern ihrer Kinder