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Dissoziation als Anpassungsleistung
zählte Josi im Jugendamt nicht. Traumatisierte, dissoziative Kinder testen mögliche Helferinnen oft erst einmal. Die Situation im Jugendamt zeigte ihr, dass die Helferinnen ihre Situation nicht ernst nahmen. Eine Haltung, der wir in der Jugendhilfe häufig begegnen, gründet auf der Idee, dass der Kontakt zu den biologischen Eltern mehr wert sei als jede professionelle Helferinnen-Bindung. Die prekären Umstände seien für die Kinder gar nicht so schlimm, da sie sie ja schon lange gewohnt seien. Diese Haltung trägt zu einem tragischen Teufelskreislauf bei. Wir erwarten von täterinnengebundenen, parentifizierten Kindern, dass sie selbstverantwortlich und mit erwachsenem Überblick ihren Kopf aus der Schlinge ziehen. Das ist, wie wir es am Beispiel des Stockholm-Syndroms sehen können, unmöglich. Überforderte, traumatisierte Kinder werden in der Konsequenz für ihre erfolgreiche Überlebensstrategie mit unterlassener Hilfeleistung bestraft. Josi hatte Frau Mayer-Behrings Haltung sehr genau erfasst und prompt kam ihr Einzelkämpferinnen-Anteil heraus, der jede Hilfe ablehnte. Unsere Aufgabe ist es, traumatisierten Kindern unmögliche Entscheidungen als erwachsene professionelle Helfer*innen abzunehmen, ohne dass sie erst darum bitten müssen. Es geht bei Traumatisierungen nicht darum, ob sie objektiv lebensbedrohlich sind, sondern darum, ob sie vom Kind als solches erlebt werden. Ist es nicht möglich, zu flüchten oder zu kämpfen, um eine Situation zu ändern, die den Organismus und das eigene Selbst überfordert, so entsteht eine traumatische Situation und eine peritraumatische Dissoziation. Wovon ein Individuum überfordert wird, ist dabei stark von seinem Entwicklungsstand abhängig. So ist es für ein Neugeborenes sehr viel stressreicher, wenn es vor Hunger schreiend eine halbe Stunde lang alleine ohne Antwort in einem Zimmer liegt, als für einen Jugendlichen, der eine halbe Stunde aufs Abendbrot warten muss, weil die Eltern verspätet von der Arbeit kommen und der Kühlschrank leer ist. Porges (2010) hat mit dem Konzept der Neurozeption beschrieben, dass Menschen ihre Umgebung automatisiert und unbewusst immerzu abscannen, um diese entweder als sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich einzuschätzen. Das Neugeborene kann die Situation bereits nach fünf Minuten als lebensgefährlich einstufen und in eine dissoziative Erstarrung geraten, wohingegen der Jugendliche in der oben beschriebenen Situation wahrscheinlich höchstens etwas genervt und ungeduldig im leicht sympathischen System aktiv wird und anfängt die Schränke zu durchsuchen. Entwicklungsbedingt verstehen Kinder die Welt zudem sehr konkret und können sie nicht so einschätzen wie wir als Erwachsene. Wenn zum Beispiel der Vater dem Kleinkind droht, es dürfe nichts erzählen, weil die Mama dann sterben wird, dann ist das für ein kleines Kind eine unumstößliche Realität. Was bleibt einem Kind unter diesen Umständen übrig? Es schützt sein entwickelndes Selbst und sein Überleben neurozeptiv, ohne bewusste Entscheidung, mithilfe dissoziativer Mechanismen. Dissoziation bedeutet einen inneren Ausweg