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Dissoziation als unwillkürliche Überlebensstrategie
Kind nur mit ausdrucksloser Miene anzuschauen. Wird das Experiment nicht abgebrochen, kollabiert das Baby zuletzt in einen dumpfen, traurigen Zustand. An dieser Stelle beginnt bereits die dissoziative Bewältigung. Fallbeispiel Josi I Wir sind zur Fallbesprechung im Jugendamt. Frau Meyer-Behring blickt Josi an: »Erzähl doch mal, was habt ihr denn am Wochenende gemacht?« Josi starrt aus dem Fenster. »Josi?« Josis Augen rutschen leicht nach hinten weg, ein Tick, den sie häufig zeigt, besonders nach den Beurlaubungen bei ihrer Mutter. Dann zuckt sie ruckartig mit den Schultern, blickt Frau Meyer-Behring an und erzählt mit monotoner Stimme: »Erst waren wir was einkaufen und dann sind wir mit der Tram gefahren. Da war die Mama plötzlich weg – also, ihre Augen waren weg und sie war ganz schlaff. Ich hab sie geschüttelt, aber sie hat nicht geantwortet, ich dachte sie ist tot. Ich hab sie ganz wild geschüttelt, dann kam sie wieder.« Josi ist neun Jahre alt. Ich blicke Frau Meyer-Behring hoffnungsvoll an, spätestens jetzt muss doch das Kindeswohl über dem Erziehungsrecht der Mutter liegen, denke ich, aber Frau MeyerBehring blickt tonlos zurück. Die Stimmung im Raum ist vorsichtig und abwartend: »Das war ja bestimmt nicht schön, wie ging es dir denn dabei?«, wendet sich Frau MeyerBehring an Josi. Aber das Mädchen ist jetzt taff und abweisend, eine andere Josi-Facette: »Was soll schon sein! Das passiert halt manchmal. Ich muss sie ja nur ordentlich schütteln, dann kommt sie wieder zu sich. Kein Problem.« »Was meinst du denn, Josi? Willst du weiter zu deiner Mama in die Beurlaubung übers Wochenende?« Josi guckt erschreckt: »Natürlich!!« Josi war seit knapp 1,5 Jahren bei uns in der WG. Ihre Mutter, Frau M., war heroinabhängig und in einer Substitutionstherapie. Gleichzeitig war sie aktiv alkoholabhängig. Frau M. hatte in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt durch ihren Stiefvater erlebt und war von ihrer eigenen Mutter nicht geschützt worden, und auch Josi selbst hatte durch einen ehemaligen Partner der Mutter sexualisierte Gewalt erlebt. Die Heroinabhängigkeit der Mutter bestand bereits während der Schwangerschaft mit Josi (Trost 2013).
Dissoziation als unwillkürliche Überlebensstrategie Es ergibt wenig Sinn, misshandelte Kinder zu fragen, ob sie den Kontakt zu ihren Eltern wollen. Es ist unsere Aufgabe als Helfer*innen, realistisch abzuschätzen, ob der Kontakt die Kinder nur immer wieder triggert oder es sogar zu weiteren Traumatisierungen kommen könnte, was bei Josi, wie sich später herausstellte, der Fall war. Sie wurde bei jedem Besuch Zeuge ihrer betrunkenen Mutter und kümmerte sich darum, sie irgendwie nach Hause zu bringen. Oft musste das Mädchen Sex zwischen der Mutter und verschiedenen Männern mitansehen, und in betrunkenen Affektdurchbrüchen schlug die Mutter das Mädchen wiederholt. Das alles er-
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