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Literatur
Traumapädagogische Ansätze in der
stationären Kinder- und Jugendhilfe
Sabine Tiefenthaler, Silke Birgitta Gahleitner und Heiner van Mil
Untersuchungen im deutschsprachigen Raum zeigen, dass 75 Prozent der Kinder
und Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe traumatische Erfahrungen gemacht haben (Schmid 2013). Analog dazu finden sich auch in aktuellen Erhebungen zum Bindungsstatus in dieser Gruppe hohe Anteile mit deutlichen Belastungen (Schröder/Nowacki 2023). Kaum ein anderer psychosozialer Bereich ist in
einem so hohen Ausmaß mit komplexen Problemkonstellationen konfrontiert wie
die stationäre Kinder- und Jugendhilfe. Die Relevanz der Thematik wird auch
durch den seit Jahren steigenden Bedarf deutlich: Gab es im Jahr 2007 in Deutschland noch 28.200 Kinder und Jugendliche, die von der Inobhutnahme durch die
Jugendhilfe betroffen waren, so waren es im Jahr 2013 bereits 42.120 und im Jahr
2022 sogar 66 400. Die unbegleitete Einreise von minderjährigen Geflüchteten
macht dabei einen Teil der höheren Zahlen aus. Gleichzeitig stiegen im Jahr 2022
im Vergleich zum Vorjahr auch die dringenden Kindeswohlgefährdungen um 5 %
sowie die Zahl der Selbstmeldungen um 4 % (Statistisches Bundesamt 2015; 2023).
In dieser Belastungssituation erhalten nur noch jene Kinder und Jugendliche stationäre Jugendhilfemaßnahmen, bei denen ambulante Hilfen entweder kaum auf
Erfolge hoffen lassen oder diese bereits gescheitert sind (Schmid 2013). Diese Dynamik wird durch den wachsenden Fachkräftemangel verstärkt, was in der Folge
zu einer Reduzierung der verfügbaren Plätze führt (IGFH 2022). Durch die Forcierung der ambulanten Hilfen oder gar deren Ausbleiben steigt jedoch die psychosoziale Belastung der in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen in einem Maße, wie sie stationär kaum noch aufzufangen ist. In der stationären
Kinder- und Jugendhilfe erfordern diese psychisch schwer belasteten Kinder und
Jugendlichen besondere und durchaus klinische Kompetenzen seitens des Betreuungspersonals. Kenntnisse über Psychotraumatologie und Traumapädagogik
zählen jedoch nach wie vor nicht zu den regulären Ausbildungsinhalten von Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und Heilpädagog*innen. Darüber hinaus müssen
auch die Strukturen der Einrichtungen eine Tragfähigkeit bereitstellen, die diese
anspruchsvolle Arbeit der Mitarbeiter*innen unterstützt.
Im Folgenden soll zunächst der Bedarf von Kindern und Jugendlichen nach
schweren frühen Traumata erläutert und anschließend entfaltet werden, wie eine
angemessene traumapädagogische Antwort darauf aussehen könnte.
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