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198
Rassismus als Trauma ein strukturelles Problem in der psychosozialen Arbeit
sierung und die Prominenz des historischen und gesellschaftlichen Kontextes für
die psychischen Langzeitfolgen in den Fokus zu rücken. Er identifizierte drei Sequenzen der Traumatisierung: 1. Das Gefühl der Bedrohung und Unterdrückung
beginnt (Besatzung der Niederlande durch Deutschland); 2. direkte Konfrontation
mit massiven Gewalterfahrungen und gravierenden Verlusten (nationalsozialistischer Terror und Trennung von den Eltern); 3. die Zeit danach, in der keine unmittelbare Gefahr mehr besteht und die Betroffenen sich wieder im Alltag orientieren
(Nachkriegszeit, evtl. Wiedervereinigung mit der Familie, Jäger 2023). Entgegen
dem intuitiven Verständnis von Trauma ergaben Keilsons Analysen, dass nicht unbedingt die Schwere der ersten beiden Phasen, also der direkten Gewalterfahrung,
entscheidend für die psychische Entwicklung war. Vielmehr drohten Kindern und
Jugendlichen mit fortwährenden Erfahrungen der Unsicherheit und Entwertung in
der Nachkriegszeit (und Nachkriegsgesellschaft) mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Retraumatisierung und Chronifizierung ihrer Belastungen als bei Betroffenen, die in der dritten Phasen Zuwendung und Anerkennung ihres Leids erlebt
haben (Keilson 2005; Kühner 2007).
Gesundheitliche Folgen von Rassismus,
Rassismus als Trauma
Die Liste rechtsterroristischer, rassistischer und antisemitischer Taten ist lang: Die
Anschläge von Hanau und Halle, von München im Olympia-Einkaufszentrum
(OEZ), die Mordserie des NSU-Terrors, das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen,
Brandanschläge in Mölln und Solingen sind nur wenige bekannte Beispiele. Sie
wurden teils in einem deklarierten gesellschaftlichen Schockzustand medial und
politisch (kurzzeitig) viel diskutiert und sind auf diese Weise zu Mahnmalen im
kollektiven Bewusstsein rassistischer und antisemitischer Gewalt geworden. Der
gravierende Einfluss auf das Leben und die Psyche der Betroffenen schien für alle
auf der Hand zu liegen. Doch stellen diese Ereignisse lediglich die Spitze eines
Eisbergs dar. Denn Rassismus und Antisemitismus in Deutschland zeigt sich nicht
nur anhand von singulären, schrecklichen Ereignissen. Vielmehr ist er in gesellschaftlichen Strukturen und grundlegenden, oft nicht bewussten Einstellungen
verankert, die Betroffene auf einer alltäglichen Basis spüren können. So hat der
rassistische Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020 nicht alle Menschen in
Deutschland auf dieselbe Art und Weise erschüttert: Im Gegensatz zu vielen weißen Menschen stellte der Tag für BI_PoC (Black, Indigenous and other People of
Color) vor allem eine weitere und heftigere Konfrontation mit dem Alltagsrassismus und dem strukturellen Rassismus dar, die sie stetig umgibt. Ihnen wurde (erneut) verdeutlicht, dass Deutschland kein sicheres Zuhause für sie sein kann. Und
dass auch sie Opfer solcher Verbrechen wie in Hanau werden könnten.