2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/188.md

35 lines
2.8 KiB
Markdown

188
Traumapädagogische Settings diversitätssensibel öffnen
und Jugendliche mit sich und ihrem Sein alleine beschäftigen. Immer mit der Andeutung, sich »irgendwie« zu unterscheiden, keine Worte zur Selbstbeschreibung
zu haben, sich selbst nicht in Bilderbüchern, Unterrichtsmaterialien, im Sport
etc. wiederzuentdecken und mit zum Teil völlig überfordernden queerfeindlichen Haltungen konfrontiert zu sein, auch teilweise in der eigenen Familie. In
meinem Beratungssetting habe ich besonders häufig mit Familien und ihren minderjährigen Kindern zu tun. Queere Kinder und Jugendliche sind durch die Nutzung sozialer Medien deutlich informierter und sprachfähiger als noch zehn Jahre zuvor. Auch bei den Sorgeberechtigten zeigt sich eine Kehrtwende und deutlich
mehr machen sich mittlerweile eher begleitend auf den Weg, wenn sie anerkennen können, dass ihr Kind eine nicht heteronormative Entwicklung hat. Damit
werden Familien, die sich vorab möglicherweise nie mit dem Thema Queersein
und queere Familienmodelle beschäftigt haben, plötzlich vor die Aufgabe gestellt,
ihre Kinder durch herausfordernde Situationen zu begleiten, für die auch die Sorgeberechtigten erst einmal Verständnis entwickeln und sich Wissen aneignen
müssen. Dabei stellt, insbesondere wenn Kinder und Jugendliche ein TNA*
(Trans*, Nichtbinär*, Abinär*)2 Coming-out haben, also ein Coming-out ihre
Geschlechtsidentität betreffend, dies Familien häufig vor große erzieherische Fragen und Aufgaben.
Anerkennung der Geschlechtsidentität
aus Familienperspektive
Die Studie von Krell und Oldemeier 2015 macht deutlich, wie groß zum Zeitpunkt
des Coming-outs die Wissenslücke zwischen den Kindern/Jugendlichen und deren Eltern ist und das erfordert in der Begleitung von Familien eine besondere
Herangehensweise. TNA* Kinder und Jugendliche haben sich vorab häufig sehr
lange mit sich und ihrer Identität auseinandergesetzt. Dies passiert regelhaft erst
einmal im Verborgenen und, wie schon beschrieben, auf sich allein gestellt. Bei
TNA* Personen kann, laut der Studie von Krell und Oldemeier (ebd. 2015), ein
inneres Coming-out zwischen drei und sieben Jahren dauern. Es fällt schwer sich
vorzustellen, wie Kinder und Jugendliche sich an einem so erheblichen Thema,
2
Nicht-binär bzw. abinär bedeutet: Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Oder etwas anderes als
zwei Geschlechter (TransInterQuer e. V. o. J.).
Bei der Schreibweise TNA* betrifft der Genderstern auch N-Nichtbinarität und A-Agender, es
steht also für alle Buchstaben, deshalb steht er am Ende.
TNA* wird in diesem Beitrag immer Groß geschrieben, um das Leseverständnis zu vereinfachen. In der Regel wird innerhalb der Community, z. B. tna*, inter*, trans* etc., dann klein geschrieben, wenn es wie ein Adjektiv genutzt wird. Das Kind ist trans*, sportlich, musikalisch etc.,
um nicht den Fokus auf diese eine Eigenschaft zu legen.