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Behindertenpädagogik
Auch für die pädagogische Arbeit mit traumatisierten Menschen stellt die Traumapädagogik z. B. in der Jugend- und Behindertenhilfe einen Paradigmenwechsel in der Praxis dar (Kühn 2014b). Die Berücksichtigung aktueller neurologischer und psychotraumatologischer Forschungsergebnisse und Erkenntnisse hat basale Veränderungen für die pädagogische Begegnung zur Folge, denn traumabedingt veränderte Wahrnehmungs- und Lernprozesse erfordern ihre besondere und spezifische Berücksichtigung. Traumaspezifische Symptome auf der Verhaltensebene, die bei fehlendem Fachwissen und unzureichender Reflexion der Interaktion zwischen den Beteiligten bei den Fachkräften zu gravierenden Fehlinterpretationen und -entscheidungen führen, münden so in der Regel unmittelbar nur in weitere defizitorientierte Zuschreibungs- und Ausschlussprozesse.
Alles hat seinen Sinn Die wahrscheinlich größte Herausforderung in der pädagogischen Arbeit besteht in einem angemessenen Umgang auch mit herausfordernden Verhaltensweisen, die sich dem direkten Verständnis der Pädagog*innen entziehen und aufgrund von erlebter Hilflosigkeit schnell zu persönlichen Ohnmachtserfahrungen führen können. Dabei hat jedes Verhalten eines Menschen eine hohe individuelle Sinnhaftigkeit, die sich entwicklungslogisch herleiten lässt. Die fachliche Kunst liegt darin, diesen Sinn zu entschlüsseln, um wirksam und zielgerichtet professionell handeln zu können (Kühn 2014a). Je unzugänglicher jedoch der Sinneszusammenhang erscheint, desto eher sind Fachkräfte geneigt, die Suche danach aufzugeben und es einzig und allein der kindlichen ›Störung‹ zuzuschreiben. Folge ist neben sozialen Ausgrenzungsprozessen auch der drohende Ausschluss aus psychosozialen Hilfen, da eine verantwortliche Zuständigkeit häufig von Hilfsangebot zu Hilfsangebot durchgereicht und somit weg delegiert wird. Bedeutung für die Traumapädagogik Laut den Ergebnissen der Ulmer Heimkinderstudie (Schmid 2007) wird jede fünfte stationäre Maßnahme in der Kinder- und Jugendhilfe im Laufe der ersten zwölf Monate vorzeitig beendet. Dies bestätigt das 2012 vom EREV durchgeführte Modellprojekt mit der Untersuchung »Abbrüche in den stationären Erziehungshilfen« (EREV 2012, S.8) Laut Statistik waren 2023 etwa 128.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland stationär untergebracht. (Statistisches Bundesamt 2024, o. S.), d. h., es ist die Rede von jährlich rund 25.600 Kindern und Jugendlichen, deren Hilfen nach SGB VIII im ersten Jahr scheitern. Die Ursachen für diese häufigen Abbrüche sind vielfältig, legen aber nahe, dass das Verstehen von individueller Sinnhaftigkeit und Entwicklungslogik bei herausfordernden Verhaltensweisen durch die pädagogischen Fachkräfte häufig misslingt. Traumatische Verarbeitungsprozesse äußern sich in großer Diversität und Vielschichtigkeit. Für Betroffene wie auch Fachkräfte ist äußerst bedeutend, diese Ausdrucksformen auf der Verhaltensebene und deren Sinnhaftigkeit auf der Basis der