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Psychoanalytische Pädagogik
2012, S. 91) sowie die Sprachlosigkeit, die durch die Verlagerung des Schreckens in
die nichtsprachliche, körperliche Erinnerung erzwungen ist (Bohleber 2012, S. 91).
Durch ihre Arbeit mit Kriegswaisen und verwahrlosten Kindern blieben die
Mitglieder der psychoanalytischen Bewegung offen für die Wahrnehmung der gewalttätigen Sozialität, in denen ihre Zielgruppe leben und sich zurechtfinden
musste. Ihr Kampf gegen repressive Gesellschaftsstrukturen der Weimarer Zeit
verbunden mit einem Kampf für die sexuelle Aufklärung (Niemeyer 2019, S. 124)
manifestierte sich in vielfältigen psychoanalytisch-pädagogischen Institutionen,
die historische Bedeutung erlangten.
Der Sozialarbeiter und Psychoanalytiker August Aichhorn (18781949) übernahm 1918 die Leitung des österreichischen Fürsorgeerziehungsheims Oberholla­
brunn, in dem dissoziale, »schwer erziehbare und neurotische Kinder und Jugendliche« (Aichhorn 1925, S. 9) untergebracht waren. Er fragt nach dem Ursprung
und dem pädagogischen Umgang mit aggressiv-destruktivem Verhalten und Dissozialität und entwickelt seinen pädagogischen Stil mit diesen milieureaktiven Störungen der Jugendlichen, der von menschlicher Wärme, Einfühlung und Geduld
geprägt war. Jugendliche brauchen mit ihren extrem lieblosen Kindheitserfahrungen verlässliche, freundliche und jede Provokation aushaltende Erwachsene, damit sich an ihrem Selbst- und Weltbild und ihren eingeschliffenen Verhaltensmustern etwas verändern können (Göppel 2002, S. 12ff.).
Der Reformpädagoge und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld (18921953)
gründete 1919 das »Kinderheim Baumgarten« für verwaiste und verwahrloste
jüdische Kinder. In seinen Überlegungen zur Instituetik samt der darin verwobenen zentralen Begriffe »Sozialer Ort« und »Affektstätte« thematisiert er die Milieu­
prägung »seelischer Vorgänge« (Bernfeld 1929, S. 301f.) und weist auf die Emotionen hin, die durch gewaltförmige Lebensgeschichten und -lagen erzeugt werden
und sich in die körperlichen Reaktionsweisen der Kinder einschreiben. Experimentell wie theoretisch hat sich Bernfeld im »Kinderheim Baumgarten« der Frage
gestellt, wie pädagogische Orte als Soziale Orte, die etwas Neues bewirken sollen,
Bindungskräfte erzeugen können, so dass das Heim zu einer Affektstätte für die
Kinder werden kann. Dabei setzt er nicht auf »Beziehungspädagogik«, so sehr er
auch die Notwendigkeit einer ehrlichen, kameradschaftlichen und kompromissbereiten Haltung der Erzieher*innen betont. Dauerhaft tragfähige pädagogische
Wirkungen schreibt er vor allem den in der gemeinsamen Arbeit entstehenden
Institutionalisierungsformen zu: Schulgemeinde, Kameradschaften, selbstverwaltete Disziplinargerichte etc. (Müller/Dörr 2013, S. 205).
Nicht nur in der stationären Heimerziehung, sondern auch in anderen Feldern
der Pädagogik überzeugten und provozierten die Mitglieder der psychoanalytischen Bewegung mit ihrem pädagogischen Nachdenken und Handeln. Sie engagierten sich in Bereichen der Erziehungsberatung und organisierten Kurse für Pädagog*innen die institutionell im Jugendamt der Stadt Wien sowie in der Wiener