2026-001/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/455.md

1.7 KiB

Das Problem für die jungen Männer wird dadurch größer, dass sich die beruflichen Anforderungen durch die Integration der neuen Informations- und Kommunikationstechniken in den Alltag stark umgeschichtet haben und dass die gesellschaftlichen Lebensbedingungen offener als noch vor dreißig Jahren strukturiert sind. Feste Verhaltensstandards sind dadurch entfallen, während der Stellenwert der sozialen Sensibilität, der flexiblen Anpassung an neue Bedingungen und der Kommunikationsnetzwerke gestiegen ist. Traditionelle männliche Stärken wie das durchsetzungsorientierte Kämpfen und kraftvolle Machtausüben sind obsolet geworden. An ihre Stelle tritt Teamarbeit mit Interessenausgleich und Verhandlungsgeschick. Junge Männer, die unter diesen Umständen weiter auf die eng zugeschnittene traditionelle Geschlechtsrolle setzen, bauen sich damit unbeabsichtigt ein soziales Rollengefängnis, das ihre weitere Entwicklung blockiert (Böhnisch 2013) oder in die Situation des Widerstandes gegen die Geschlechtergerechtigkeit, also einen strengen geschlechterbezogenen Konservatismus bringt. Das zeigt anschaulich die von Anja Mays (2012) durchgeführte, empirisch breit fundierte Untersuchung, nach der enge Rollenvorstellungen und sexistische Haltungen bei Männern mit niedriger Bildung und traditionellen Rollenmustern der Eltern einschließlich der mütterlichen Nicht-Berufstätigkeit zusammenhängen. Die so sozialisierten jungen Männer werden den veränderten Anforderungen im Berufsleben ebenso wenig gerecht wie der in den modernen Gesellschaften immer weiter voranschreitenden engen Verzahnung von instrumentell orientiertem Berufs- und emotional orientiertem Privatleben. Sie ignorieren die Symbiose von Beruf und Familie, die sich hieraus ergibt.