3.5 KiB
Arbeit mit Tätern häuslicher Gewalt zum Thema „Väterverantwortung“
393
gung per Telefon reagiert sie ungehalten: „Muss das denn sein?“ Schon vor Betreten der Wohnung befürchtet Peter Vorwürfe von Anja. Sein Gefühl ist eine Mischung aus schlechtem Gewissen, denn er neigt zur Verspätung und hat schon oft Kritik dafür erfahren, und Wut auf die Partnerin, die sich an seiner negativen Erwartung entzündet. Er betritt die Wohnung mit dem Vorsatz, in die Offensive zu gehen und dem erwarteten Vorwurf der Ehefrau zuvor zu kommen. Die siebenjährige Tochter Katrin rennt zur Begrüßung auf ihn zu und er nimmt sie stürmisch auf den Arm. Anja kommt dazu und mahnt ihn zur Vorsicht, damit die Tochter nicht an die Deckenlampe stößt, die nahe über dem Kopf des Mädchens hängt. Anja dreht sich um und verlässt den Hausflur. In dem Moment wirft er die Tochter hoch und sie stößt sich, wie von Anja befürchtet, heftig den Kopf am gläsernen Lampenschirm. Das Kind beginnt zu weinen und Peter setzt es auf einem Sideboard ab, das in der Nähe steht. Er versucht die Tochter zu trösten. Anja kommt aus dem Nebenraum und sieht das Kind weinend auf dem Schrank sitzen. Gerade hat es Milbenbefall durch Haustiere gegeben, wogegen Katrin allergisch ist, und der Schrank ist noch nicht desinfiziert. Sie wirft Peter vor, das Mädchen mit ihren sauberen Kleidern auf den staubigen Schrank gesetzt zu haben und fordert ihn auf, Katrin herunter zu nehmen und umzuziehen. Peter weigert sich, es kommt zum Streit, in dessen Verlauf Anja immer vehementer ihre Forderung wiederholt. Er will sie zur Ruhe bringen und schlägt ihr gezielt mit der flachen Hand ins Gesicht. Er hat in früheren Situationen die Erfahrung gemacht, dass seine Frau dadurch sofort verstummt. Diesmal reagiert sie gegenteilig und wird immer lauter. Peter schlägt Anja mehrfach hintereinander ins Gesicht, weil er meint, was ein Schlag nicht wie früher erreicht, bewirken vielleicht mehrere Schläge. Auch jetzt verstummt seine Ehefrau nicht, sondern beschimpft ihn noch lauter. Peter hat nur noch den Gedanken, Anja zum Schweigen zu bringen. Er schlägt ihr mehrmals gegen den Kopf, packt sie im Genick und drückt sie zu Boden. Er beugt sich über sie. Peters Gedanke ist: „Aus diesem Körper soll kein Laut mehr kommen!“. Er legt beide Hände um ihren Hals. In dem Moment verstummt Anja abrupt und Peter lässt von ihr ab. Anschließend schweigen beide. Kurz darauf verständigen sie sich mit wenigen Worten, den Einkaufsbummel wie geplant durchzuführen. Über die Situation wird nicht mehr gesprochen. Einige Wochen später, als er von einer Geschäftsreise zurückkehrt, ist Anja plötzlich und für ihn völlig unerwartet mit den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen (aus dem Sitzungsprotokoll). Ergänzungen: Anja erstattet Anzeige u.a. wegen Körperverletzung. Einen Kontakt zu den Kindern, den er per Verfügung nur in Anwesenheit seiner Ehefrau oder einer anderen Begleitperson wahrnehmen darf und der in der Regel in der Wohnung der Familie stattfindet, nutzt Peter regelmäßig, um die Kinder unter Druck zu setzen, sie sollen ihre Mutter zur Rückkehr überreden, denn andernfalls können sie ihn, Peter, bald nicht mehr sehen. Oder er lässt die Kinder allein, geht zu Anja ins Nebenzimmer und bedrängt sie, zu ihm zurück zu kommen. Daraufhin erhält Peter ein Kontaktverbot. Nach einem Jahr der Trennung wird die Ehe geschieden, das Sorgerecht erhält die Ehefrau. Peter wird u.a. wegen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verur-