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Hochuli Freund
31.7.17 S. 121
Bedeutung und Funktion von Hypothesen im Konzept KPG
andererseits unterschieden. Hier wird ein grundsätzlicher Unterschied zwischen
den beiden Konzepten deutlich. In der systemischen Arbeit gibt es keine Unterteilung in Prozessschritte, auch die analytisch-diagnostische Phase wird nicht
zweigeteilt, sondern als Ganzes zeitgleich bearbeitet. Hier zeigt sich eine unterschiedliche Grundhaltung in den beiden Konzepten: In der systemischen Arbeit
wird immer wieder Neues aufgenommen, Hypothesen werden abwechslungsweise formuliert, verworfen oder bestätigt und neu formuliert. Im Konzept
KPG hingegen wird am Ende der Erhebungs- und Explorationsphase in der
Analyse und nach dem Suchprozess des Erklärens und Verstehens in der Diagnose jeweils bewusst Komplexität reduziert, indem die wichtigsten Erkenntnisse fokussiert festgehalten werden (Fallthematik, Arbeitshypothese), die die
Grundlage für den weiteren Prozess bilden. Die systemische Arbeit verzichtet
demgegenüber vollständig auf eine eigenständige Analyse mit systematischer
Auswertung und Fallthematik. Die in Hypothesenform festgehaltenen Erklärungen beziehen sich daher nicht nur auf ein vorab eingegrenztes Thema, sondern können inhaltlich viel offener ausfallen als bei KPG und auch plötzlich in
eine ganz andere Richtung gehen. Die Anregungsfunktion von Hypothesen in
der systemischen Arbeit ist gewichtiger als bei KPG. Dies zeigt sich auch in der
Diagnose nach KPG, in der von Klienten verworfene erklärende Hypothesen
nicht unbedingt zu Gunsten neuer Hypothesen über Bord geworfen werden
müssen, sondern möglicherweise im Gespräch mit dem Klienten als ein Diskussions- und Reibungspunkt bleiben und/oder auf der Fachebene für die Gestaltung des Unterstützungsprozesses genutzt werden können. Insofern beanspruchen Hypothesen nach KPG eine längere Haltbarkeit. Es werden im Verlaufe
eines Unterstützungsprozesses nicht fortlaufend (neue) Hypothesen formuliert,
was eine systemische Arbeit hingegen auszeichnet.
Fehlt aus Sicht von KPG der systemischen Arbeit eine eigenständige, strukturierte Analyse, so würden Systemikerinnen bei KPG sicherlich die Formulierung
von Kausalzusammenhängen bei den erklärenden Hypothesen in Frage stellen.
Denn Kausalitäten bilden die soziale Wirklichkeit unzureichend ab (vgl. Hosemann/Geiling 2013:8f.). Wird jedoch dem systemischen Grundsatz Rechnung
getragen, dass es bei der Formulierung von Hypothesen niemals um Wahrheit,
sondern um das Kriterium der Nützlichkeit geht, dann werden auch mit kausalen Hypothesen nicht etwa Wahrheiten verkündet, sondern lediglich Kommunikationsangebote gemacht (vgl. Preis 2013:192). Hypothesen haben in beiden
Konzepten auch die Funktion, mit Klientinnen ins Gespräch zu kommen. Systemiker halten fest, es sei durchaus vertretbar, linear-kausale Hypothesen zu
formulieren, solange dabei die Offenheit bleibt, diese Hypothese gegebenenfalls
auch wieder zu verwerfen (vgl. von Schlippe/Schweitzer 2016:204). Überzeugend an der systemischen Form der Hypothesenbildung ist der konsequente
Einbezug des gesamten sozialen Umfelds, wodurch Wechselwirkungen innerhalb von Beziehungsgeflechten in einem System thematisiert werden können.
Dies ist ein Aspekt, welchem erklärende Hypothesen im Konzept KPG durchaus auch Rechnung tragen sollen und dem künftig ganz explizit mehr Beachtung geschenkt werden darf.
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