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irrelevant). In einer Langzeitbegleitung in einer stationären Einrichtung
der Jugendhilfe hingegen bezieht der relevante zeitliche Ausschnitt auch
Vorgeschichte und Biografie der Klientin mit ein, und es werden alle für
eine Klientin wichtigen Lebensbereiche zu erfassen sein.
Die Bestimmung eines Realitätsausschnittes, der dem Organisationsauftrag
angemessen ist, impliziert, dass eine Sozialarbeiterin viele Dinge auch nicht
in Erfahrung bringen und wissen muss.
Informationen werden erfasst mit einer Haltung von Offenheit, die um
Unvoreingenommenheit bemüht ist, und wohlwollendem Interesse.. Als
Leitmotiv dabei kann der prägnante Satz von Meinhold dienen: »So viel wie
möglich sehen so wenig wie möglich verstehen« (1987:207, zit. in Müller
2017:111). Es enthält die Aufforderung, zunächst so viele Informationen
wie möglich aufzunehmen, noch keine eigenen Bewertungen und
Erklärungen vorzunehmen, sondern sich auf das zu konzentrieren, was
vorliegt. Dieses einfach wirkende Postulat ist allerdings höchst
anspruchsvoll in der Umsetzung. Denn unser gewohnheitsmäßiges
Wahrnehmen und Denken funktioniert anders. Einerseits nehmen wir nicht
neutral und objektiv wahr, vielmehr ist das, was wir wahrnehmen, durch
frühere, gespeicherte Erfahrungen vorstrukturiert. Auf Basis dieses Wissen
nehmen wir in Alltagssituationen spontan und unbewusst im Modus des
schnellen, automatisierten Denkens (Kahneman 2011) Einordnungen
Bewertungen und Erklärungen auf Basis unserer bestehenden WissensSchemata vor (und ordnen beispielsweise eine neue Klientin sehr schnell
als sympathisch oder unsympathisch, als völlig überforderte oder
ehrgeizige Mutter, als Junkie-Frau ein). Es braucht die bewusste
Aktivierung des sog. langsamen Denkens (wie Kahneman das nennt, vgl.
ebd.:19 ff., 38), um solche automatisierten, stereotypisierenden
Einordnungen erkennen und hinterfragen zu können. Das ist ein durchaus
anstrengender Akt der Selbstkontrolle, der es aber ermöglicht, die eigenen
schnellen Bewertungen zur Kenntnis nehmen und sie dann bewusst
beiseite legen zu können (vgl. Hochuli Freund 2017a:58 f.). Genau dies
aber ist ein Merkmal von Professionalität. Denn die Alltags-Haltung des
Immer-Sofort-Schon-Verstanden-Haben blockiere echtes Verstehen, so
Müller (vgl. 2017:112). Das Bemühen, genau hinzuschauen, die eigene
Wahrnehmung zu hinterfragen, mehr zu sehen und besser zu hören, steht
im Dienst eines besseren, echten Verstehens. Bei der Situationserfassung ist
deshalb zwischen Informationen und deren Bewertung so weit wie möglich
zu unterscheiden. Eine professionelle Haltung zeigt sich darin, dass eigene
Bewertungen als solche erkannt und zurückgestellt oder aber (zumindest)
als eigene Einschätzung deklariert werden.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen objektiven Daten und
Geschichten. Es geht darum, objektive Daten und Fakten in Erfahrung zu
bringen, und ebenso Geschichten und Erzählungen von unterschiedlichen
Fall-Beteiligten. Bewertungen und Einschätzungen in den Erzählungen sind
als solche zur Kenntnis zu nehmen und beim Notieren entsprechend zu
deklarieren (z. B.: »Die Frau schildert ihren Ex-Mann als unzuverlässigen
Nichtsnutz« und nicht: »Ihr Ex-Mann ist ein unzuverlässiger Nichtsnutz«).
Eine dritte hilfreiche Unterscheidung ist diejenige zwischen
Informationen zu Person(en), Verhalten und Lebensweisen einerseits und
Informationen zu Lebenssituation und Lebenslage andererseits. In der