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Hochuli Freund
31.7.17 S. 56
Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen
aus, dass Heuristiken auch theoriebasiert und professionsspezifisch entwickelt werden können. Das Konzept KPG betrachte ich als theoretischen Bezugsrahmen für die Herleitung solcher Faustregeln (was an anderer Stelle auch explizit als eine Funktion des Prozessgestaltungsmodells im beruflichen Alltag bezeichnet wird; vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:45). So könnte eine KPG-basierte Faustregel für professionelles Handeln in kritischen Situationen mit hohem Handlungsdruck lauten: ›Worum genau geht es hier und wie erkläre ich es mir? Was ist mein Ziel, was will ich erreichen?‹ Was damit gemeint ist, soll an einem Fallbeispiel erläutert werden. Es gibt Streit zwischen zwei Jungs am Mittagstisch: Nach einigen Argumenten, die hin und her fliegen, stehen beide auf, rangeln mit den Armen und die Lautstärke und Heftigkeit der gegenseitigen Beschimpfungen nehmen zu. Es ist eindeutig: Eine Reaktion von Ihnen als Sozialpädagogin muss schnell erfolgen. Sie fragen sich (Faustregel): ›Worum genau geht es hier, und wie erkläre ich es mir? Was ist mein Ziel, was will ich erreichen?‹ Variante 1: Sie beurteilen das Scharmützel als spielerischen Wettbewerb zwischen den beiden und wollen erreichen, dass die beiden eine andere als die Mittagstisch-Situation dafür nutzen. Intervention: Sie schütteln den Kopf, sagen noch lauter als die beiden, in sehr bestimmtem, aber freundlichem Ton: »Aufhören, ihr beiden! Nach dem Essen dann und draussen bitte.« Variante 2: Sie wissen, dass zwischen den beiden ein aktueller Konflikt schwelt und immer wieder ausbricht. Sie ordnen den Kampf am Mittagstisch als nächste Eskalationsstufe ein und befürchten v. a. bei einem der beiden Jungs einen völligen Verlust der Impulskontrolle. Ihr Ziel ist nicht nur der sofortige Unterbruch, sondern auch, dass Sie selber die Kontrolle über die Situation erlangen. Intervention: Sie stehen auf, gehen nah zu den beiden hin, sagen/schreien mit grösstmöglicher Lautstärke und tiefster Stimme: »Stop – Bastian, Cuno – aufhören! Bastian, da raus! Cuno, dort raus! – Du kommst wieder, wenn du dich wieder im Griff hast. Du auch.« Variante 3: Sie deuten das Gerangel als Provokation und Machtdemonstration Ihnen gegenüber. Es geht den beiden darum zu testen, wer hier den Ton angibt. Ihr Ziel ist deutlich zu machen, dass Sie die beiden durchschaut haben, sich nicht provozieren lassen und selbstverständlich in der Lage sind, die Regeln am Mittagstisch zu wahren – ohne dass Sie oder die beiden das Gesicht verlieren. Sie tun etwas Unerwartetes (Paradoxes): Sie werfen ein Kissen zwischen die beiden und sagen lachend: »Spannend – aber hier ist nicht der richtige Ort dafür. Fortsetzung nachher, ja? Ich schaue auch wirklich zu, garantiert. Aber jetzt kommt die Pizza!« Selbstverständlich gäbe es noch weitere Deutungsvarianten und Interventionsmöglichkeiten. Falls die Intervention nicht erfolgreich war und zum angestrebten Ziel geführt hat, beginnt die Arbeit mit der Faustregel aufs Neue (›Was hatte ich nicht beachtet/übersehen? Worum geht es denn eigentlich? Welche Erklärung gibt es noch?‹). 56