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Aufgrund der Mehrdeutigkeit von Problemkonstellationen gibt es in der
Sozialen Arbeit keine eindeutigen Zuordnungen von Ursachen und
Wirkungen, und dementsprechend auch keine klaren, objektiven
Zuordnungen von Problemen und Lösungen; Diagnosen haben deshalb stets
Hypothesencharakter (vgl. Merchel 1999a:77 f., Kap. 3.2.3). Fallverstehen
könne als »schrittweise Annäherung an hypothetische Erkenntnisse«
bezeichnet werden, so Heiner/Schrapper (2004:209). Ein eng mit dem
Hypothesencharakter zusammenhängendes Merkmal ist Prozesshaftigkeit
von Diagnosen in der Sozialen Arbeit. Erst durch die Auswertung der
Interventionen, die auf der Basis einer Diagnose entwickelt worden sind,
lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die Angemessenheit einer Diagnose.
Kobolt bezeichnet deshalb die ständige Überprüfung und Evaluation als
eines der Hauptmerkmale von Diagnosen (vgl. 1999:244). Dies entspricht
dem oben erwähnten Prinzip der reflexiven Orientierung von Heiner (vgl.
ebd. 30 f.).
Diagnosen in der Sozialen Arbeit sind differenzierte, wissensgestützte
Deutungen zu einem Fall bzw. einer Fallthematik und daraus abgeleitete
Interventionsüberlegungen; sie sind als Hypothesen zu verstehen, die im
Verlaufe eines Unterstützungsprozesses gemeinsam mit einem
Klienten(system) immer wieder überprüft werden. Im Diskurs hat sich der
Begriff weitgehend etabliert, wenn auch bei den rekonstruktiven Zugängen
häufig der Begriff Fallverstehen verwendet wird, und Heiner/Schrapper
2004 in ihrem Rahmenkonzept zu Diagnostik diagnostisches Fallverstehen
als neuen Leitbegriff vorschlagen. In diesem Lehrbuch sprechen wir von
Diagnose als fallbezogenem Prozessschritt und von sozialer Diagnostik als
professionsspezifischer Lehre und Fähigkeit, aus dem Erklären und
Verstehen komplexer psychosozialer Problemlagen Interventionen ableiten
zu können. Wir stützen uns dabei auf die in einer Arbeitsgruppe an der
Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz
erarbeiten Begriffsdefinitionen:
»Unter Sozialer Diagnostik verstehen wir
• den Prozess des wissens- und methodengestützten, wertebasierten,
multiperspektivischen Erfassens, Erklärens und Verstehens von sozialen
Problemlagen und bio-psycho-sozio-kulturellen Problemstellungen mit
besonderem Fokus auf die soziale Dimension sowie die dialogische
Verständigung darüber und
• dessen Ergebnis: die soziale Diagnose. Soziale Diagnosen können
Individuen, Gruppen, Organisationen oder Gemeinwesen betreffen; sie
haben eine erklärende, handlungsleitende und prognostische Funktion.
Eine soziale Diagnose bildet die Basis für fallspezifische
Zielformulierungen und Interventionen und wird als Hypothese
verstanden, welche einer ständigen Überprüfung und Anpassung bedarf,
sowie
• die entsprechende Lehre: den methodischen Wissensbestand, der durch
forschungsbasierte Entwicklung ständig erweitert
wird.« (http://www.soziale-diagnostik.ch/definition-soziale-diagnostik)
Expertentätigkeit und dialogische Verständigung