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44
Literaturtipp
Kavemann, B., Kreyssig, Ul. (Hrsg.) (2013): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt.
3., überarbeitete Auflage.
1.5
Die traumatische Sexualisierung
Über Hintergründe, Ausmaß und Folgen sexueller Gewalt gibt
es mittlerweile zahlreiche Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen.6 Auch die besondere Betroffenheit von Menschen, die
sich in den unterschiedlichen Dimensionen von Geschlechtlichkeit
oder jenseits der binären heteronormativen Ordnung bewegen, ist
belegt (Ohms 2018, S. 130). Ein Forschungsprojekt zur Erwartungen
Betroffener sexuellen Kindesmissbrauchs an gesellschaftliche Aufarbeitung stellt als häufigsten Tatort das eigene Zuhause oder das
Zuhause des Täters, der Täterin fest (Kavemann et al. 2019, S. 10).
Bereits 1936 also lange vor dem Medienrummel um sexuelle
Gewalt schrieb Anna Freud, dass sexuelle Gewalt von Eltern gegen
ihre Kinder schädlicher und pathologischer wirkt als früheste →
Deprivation, Vernachlässigung und Misshandlung. Diese verstöre
die eigenständige sexuelle Entwicklung. Tatsächlich haben Untersuchungen ergeben, dass sexuelle Gewalt in der Kindheit nicht per
se traumatisch ist. Der Grad der Schädigung hängt von den Mittlerfaktoren (Kap. 2) ab. Doch sei „[…] nicht daran zu rütteln, dass
sexueller Missbrauch unabhängig von anderen Faktoren schädigend
wirkt.“ (Bange 1992, S. 145)
Im Unterschied zu anderen Traumatisierungen formt die
sexuelle Traumatisierung die Sexualität des Kindes auf unangemessene Weise. Sie führt „[…] zu einem undeutlichen Konzept
von Grenzen in sexuellen Beziehungen.“ (Kavemann et al. 2018,
S. 863) Sexuell missbrauchte Kinder können ein exzessives und
abnormes Interesse an Sexualität entwickeln, dass sich in frühreifen sexuellen Aktivitäten und in als unangemessen betrachteten
6
Einen umfassenden Überblick über bisherige Studien sind zu finden unter:
https://beauftragte-missbrauch.de/mediathek/publikationen/expertisen-undstudien.