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Raw History

66 Mit achtzehn Jahren beginnt Anna, Schülerin einer Fachschule für Sozialpädagogik und gerade von zu Hause ausgezogen, eine Therapie. Sie wurde von ihrem Opa vom sechsten bis zum zehnten Lebensjahr sexuell missbraucht. Im Alter von sieben Jahren wurde sie auch noch von einem Fremden missbraucht. Voller Selbstanklage glaubt sie heute: „Der hat mir angesehen, dass er das mit mir machen konnte.“ Sabine, Michael und Julia mussten sich weil sie so klein waren dauerhaft an den Willen ihrer Mutter und ihres Vaters anpassen. Ihr Selbst war ausgerichtet an den Erwartungen der teilweise psychotischen Mutter und des sie sexuell missbrauchenden Vaters. Es dominierte die Gefügigkeit.

Diese Gefügigkeit ist zeitweise zum Überleben notwendig, um nicht noch mehr massiver körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott (1974) prägte hierzu den Begriff eines falschen Selbst. Die Mädchen und Jungen müssen zum Eigenschutz ein Chamäleonverhalten entwickeln, das als negative Folge die Aufrechterhaltung des falschen Selbst stützt. Sabine, Michael und Julia vollbrachten ungeheure Anpassungsleistungen. Sie durften trotz der unberechenbaren und ängstigenden Umgebung, trotz der elterlichen Willkür die Kontrolle nicht verlieren. Sie mussten zusehen, wie sie alleine gelassen zu dritt nicht verhungern. Sie durften nicht aggressiv werden, sich nicht behaupten und durchsetzen. Die Autonomieentwicklung von Sabine, Michael und Julia ist heute extrem gefährdet.

Kinder in solchen Lebenssituationen sind gezwungen, sich „[…] automatisch dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren.“ (Ferenczi 1933/1972, S. 308) Die Mädchen und Jungen überdecken ihr unerträgliches Gefühl, schlecht zu sein, mit großen Anpassungsleistungen. Sie wollen brav sein, nicht auffallen oder besonders gut sein. Wenn sie dann für besondere Leistungen, das Brav-sein, gelobt werden, fühlen sie sich schlecht, weil sie gelogen haben, weil sie glauben, dass die Menschen nicht sehen, wie schlecht sie wirklich sind. Ein Teufelskreis! Missbrauchte Mädchen und Jungen können kein angemessenes