2.1 KiB
6.2.4 Kontextualisierung Mithilfe des ökosozialen Modells lassen sich Beziehungen zwischen dem System und seinen Kontexten erfassen und beschreiben. Die Familie ist der wichtigste Erfahrungs- und Handlungskontext des kleinen Kindes. In ihr lernt es Verhaltensregeln, Rollenbilder, Wertvorstellungen, die das eigene Verhalten leiten, begründen und sinnvoll machen. Kommt es in die Kindertagesstätte, entsteht durch das Mesosystem ein neuer Kontext für die Familie, dessen Regeln und Werte Einfluss auf das Verhalten des Kindes und die damit verbundenen Bedeutungszuschreibungen in der Familie nehmen. Umgekehrt wird auch die Familie eines neuen Kita-Kindes zu einem Kontext der Kindertagesstätte: Familiär gelernte Verhaltensweisen, Konflikt- und Konfliktlösungsstrategien des Kindes nehmen Einfluss auf die Interaktionen der anderen Kinder und rufen eventuell die Erzieherinnen auf den Plan, die dieses Verhalten vielleicht als „aggressiv“, „unsozial“, „clownhaft“ bezeichnen und auf die Familie des Kindes zurückführen. Für die Erzieherin ist also die Familie der Kontext des kindlichen Verhaltens in der Kita. Für die Mutter hingegen ist die Kita der Kontext für die häusliche Kommunikation; z. B. wenn sie abends nach einem Elterngespräch Streit mit ihrem Mann darüber bekommt, ob die Erzieherin ihr Kind richtig einschätzt. Was als System und was als Kontext gesehen wird, hängt von Standort und Perspektive der Beobachterin ab. Wird einem Ereignis ein bestimmter Kontext zugeordnet, damit sein Sinn und seine Funktion verstanden werden kann, findet eine kognitiv-affektive Handlung statt, die ich als Kontextualisierung bezeichne. Ich unterscheide fünf Kontexte und damit auch fünf Formen der Kontextualisierung: epistemisch – auf Wahrnehmung und Erkenntnis bezogen, sozial – auf die äußeren Umwelten bezogen, biosozial – auf den Leib des Menschen und seine geographische Einbettung bezogen, psychisch – auf die inneren Prozesse des Subjekts bezogen, und raum-zeitlich – auf den Prozesscharakter und den Ort von Handlungen bezogen (vgl. Ritscher 1998, S. 238 ff.).