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Dieses Liebesideal ist mit der Individualisierungsidee verknüpft.
Shakespeare hat mit „Romeo und Julia“ diesem Zusammenspiel von
individueller gegenseitiger Liebe und ihrer Verwirklichung jenseits
aller gesellschaftlichen Moralcodices ein alle Generationen
anrührendes Denkmal gesetzt. Seine Schwäche zeigt sich, wenn man
die Liebesgeschichte von Romeo und Julia weiterfantasiert. Allein mit
der Idee der allumfassenden Liebe hätten beide ihren gemeinsamen
Alltag nicht bewältigt. Denn er stellt ganz einfache, aber harte
Fragen: Wer kauft ein, wer putzt die Toilette, wer steht nachts auf,
wenn die Kinder schreien, wer verdient unter welchen Bedingungen
das Geld für den Lebensunterhalt? Um auf sie angemessen zu
antworten, benötigt man noch andere Ressourcen, z. B.
Konfliktfähigkeit, die im weiteren Prozess der Beziehung entdeckt
bzw. gewonnen werden können.
Zwei Menschen finden sich; sozialpsychologisch gesprochen, geht
es darum, dass sie für ihr neues dyadisches System eine gemeinsame
Identität herstellen, erfahren und leben. Von der menschliche
Ursehnsucht nach der „Einheit in der Zweiheit“ (Symbiose) lässt
Platon in seinem Symposion den Komödiendichter Aristophanes
berichten:
In grauer Vorzeit gab es neben dem männlichen und dem
weiblichen ein drittes Menschengeschlecht; dieses war mit vier
Armen, vier Beinen, zwei Köpfen und beiden primären
Geschlechtsteilen ausgestattet und hatte eine Kugelgestalt. Der
Mond war Mutter und Vater in einem. Weil diese Kugelgestalt alle
Stärken der Einzelgeschlechter in sich vereinte und in ihrem
Begehren, gottgleich zu sein, den Himmel zu erstürmen drohte,
beschloss Zeus, sie in ihre zwei gleichen Teile zu zerschneiden.
Und nun sehnen sich die zwei Hälften danach, wieder
zusammenzukommen und eine erneute Einheit zu werden. „Von
so langem her also ist die Liebe zueinander den Menschen
angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und
versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur
zu heilen“ (Platon, Symposion 2.4.2, 1971, S. 103).